Durchgehört Der letzte Schritt in die Glitzerwelt

Gosse oder Glamour? Diese Frage müssen Gossip mit A Joyful Noise beantworten. Beth Ditto und ihre Mitstreiter entscheiden sich für Letzteres - und scheitern. Dafür gibt es tolle Debüts von Oberhofer und TheeSatisfaction.

Musiktipp: «Perfect World» von Gossip

Gossip -- Perfect World - MyVideo
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Wer Beth Ditto angesichts ihrer Figur für nicht allzu beweglich hält, der sollte sich dringend einmal ein Konzert von Gossip anschauen. Da fegt die Sängerin über die Bühne, springt ins Publikum und klettert schon mal auf die Tribünen. Auch musikalisch ist sie höchst beweglich. Ihre Wurzeln in Soul, Rock und Punk, als Band aus der Gosse, haben Gossip nun endgültig gekappt. Auf ihrem fünften Album A Joyful Noise gibt es puren Pop. Hier können Sie das Album direkt kaufen.

Daran lässt schon die Wahl des Produzenten keinen Zweifel. Beim Vorgänger Music For Men saß noch Rick Rubin an den Reglern, die fleischgewordene musikalischen Authentizität. Diesmal haben Gossip auf Brian Higgins gesetzt, unter anderem verantwortlich für Platten von Kylie Minogue oder den Pet Shop Boys. Leider schafft er es nicht, Gossip mit einem ähnlich funkelnden Sound zu versehen: Move In The Right Direction beispielsweise ist schwungvoller Dancepop, aber ohne eine Spur Besonderheit oder gar Rebellion - und das gilt für weite Teile des Albums.

Beth Ditto ist nach wie vor eine tolle Sängerin und eine noch bessere Ikone, daran lässt A Joyful Noise keinen Zweifel. Aber sie gewährt in ihren Texten leider keinen einzigen Einblick in ihr Seelenleben, sie propagiert auch nicht das Anderssein, wie sie es in ihren Interviews tut, sondern liefert bloß Floskeln. Und die Musik ist ganz nett, aber niemals unverwechselbar. Am besten funktioniert bezeichnenderweise noch Get A Job, das mit Disco-Beat und prominenter Gitarre einfach bloß auf das vertraute Gossip-Rezept setzt.

Es war klar, dass sich Gossip irgendwann verändern müssen. Den Spagat zwischen Leben in der Glitzerwelt und der Herkunft als Außenseiter kann man nicht ewig schaffen. Allerdings war es genau dieser Kontrast, der einen großen Teil des Reizes von Gossip als Band und von Beth Ditto als Figur ausgemacht hat. Der fehlt jetzt: Gossip haben vor lauter Beweglichkeit ihren Charakter verloren.

Künstler: Gossip
Album: A Joyful Noise
Plattenfirma: Columbia
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Jahrescharts 2011: Die Chartstürmer in Deutschland
zurück Weiter Helene Fischer (Foto) Zur Fotostrecke Foto: Emi/Christian Mai / Sophia Lukasch

Es gibt wenig in der Musik von Brad Oberhofer aus Brooklyn, das man als «Mysterium» bezeichnen könnte. Dieser Mann macht Hits, aufmunternde, energische Indiepopsongs. Das ist bestens geeignet für alle, die die Kooks, Kaiser Chiefs oder Wombats zu ihren Favoriten zählen.

Eine große Leidenschaft für Pop steckt in dieser Musik, in bester Sixties-Tradition. Dabei ist es die opulente und fantasievolle Instrumentierung, die das Debüt des 21-Jährigen davor bewahrt, vor lauter guter Laune zu eindimensional zu werden. Es gibt oft ein wuchtiges Fundament, aber dazu immer leichte Melodien oder filigrane Passagen. Alles wird auf Time Capsules II zum maximalen Effekt gebracht, und genau deshalb funktioniert diese Platte so unmittelbar. Extrem unterhaltsam. Time Capsules II können Sie hier kaufen.

Künstler: Oberhofer
Album: Time Capsules II
Plattenfirma: Glassnote
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Seit 1979 gibt es And Also The Trees. Und nach wie vor ist die Band der beste Ersatz für The Doors, den man bekommen kann. Das liegt in erster Linie an der Stimme von Simon Jones. Auch auf dem aktuellen Album Hunter Not The Hunted kann man bei diesem Mann von Singen kaum sprechen: Er croont, er beschwört, er predigt. Die Texte wimmeln vor Metaphern über das Landleben und längst vergangene Zeiten. Und sein Bruder Justin Jones hat dazu immer wieder Gitarrenklänge zu bieten, als sei The End ein eigenes musikalisches Genre.

Mystisch, düster und erotisch aufgeladen ist Hunter Not The Hunted in seiner konsequent melancholischen Romantik. Meist bleibt es akustisch, aber trotz dieses Minimalismus entwickelt jedes Lied eine ganz eigene Spannung. Bloodline beispielsweise wogt wie die Wellen des Flusses, der hier besungen wird, My Face Is Here In The Wildfire braucht nur Gitarre und Gesang, um ganz viel Verlorenheit, Tiefe und Unermesslichkeit zum Ausdruck zu bringen. Selbst im Mai ist das noch tolle Herbstabendmusik.

Für Fans gibt es das Album hier.

Künstler: And Also The Trees
Album: Hunter Not The Hunted
Plattenfirma: Normal Records
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Das Cover sagt eine Menge aus über Awe Naturale. Darauf sind Stasia Irons und Catherine Harris-White zu sehen, die beiden Damen aus Seattle, die TheeSatisfaction bilden. Ihre Silhouetten wirken geheimnisvoll, ihre Pose selbstbewusst, der Blick in die Zukunft gerichtet. Das sind die wichtigsten Eckpunkte für dieses Debütalbum. Es gibt hier HipHop: clever, warm, innovativ und mit Sendungsbewusstsein. Hier können Sie das Album direkt kaufen.

Vieles klingt opulent, ist aber in Wirklichkeit mit recht reduzierten Mitteln erschaffen. Niemals hat diese Musik so etwas wie Punch (auch wenn es zum Schluss in Naturale pulsierende, wilde Drums gibt), dafür aber eine Menge Sexappeal (wie im sanften Existinct). Das sicher beste Beispiel für den faszinierenden Sound dieses Duos ist Needs. Ein irrer Track entwickelt sich da, mit flirrendem Bass und einem verschachtelten Beat, bis ganz am Schluss nur noch die beiden Stimmen von Stasia Irons und Catherine Harris-White zu hören sind. Und erst dann merkt man, was für die Minuten zuvor gilt und für Awe Naturale als Ganzes: Hier rumort es gewaltig.

Künstler: TheeSatisfaction
Album: Awe Naturale
Plattenfirma: Sub Pop
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

ham/news.de

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