Film Ulrich Seidl: Von der Macht der weißen Haut

Cannes - Der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl (59) gilt als Spezialist für Abgründe menschlicher Triebwelten. In seinem Film «Paradies: Liebe», der bei den Festspielen in Cannes im Rennen um die Goldene Palme ist, geht es um reife Frauen, die an den weißen Stränden Kenias Sex kaufen.«Der männliche Sextourismus ist gesellschaftlich akzeptiert.

Ulrich Seidl: Von der Macht der weißen Haut (Foto)
Ulrich Seidl: Von der Macht der weißen Haut Bild: dpa

Weiblicher Sextourismus ist ein Tabu», erklärte der Regisseur seine Motivation zu diesem Film in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa am Freitag in Cannes. Dabei sprach er über Einsamkeit, Liebe und die Macht der weißen Haut.

Seidl («Tierische Liebe», «Hundstage») will mehr als nur ein Tabu brechen. «Es geht nicht um Prostitution im klassischen Sinn. Es geht dabei um eine Frau, die nach Liebe sucht und eine Enttäuschung nach der anderen erlebt. Sie sucht nicht Sex, sondern Geborgenheit. Deshalb heißt der Titel auch "Paradies: Liebe" und nicht "Paradies: Sex"», erklärte der Filmemacher. Werden Männer also wirklich mehr von Hormonen gesteuert als Frauen? Er sei kein Fachmann, doch bedeuteten Sex und Liebe für Frauen etwas anderes.

Wie ist er auf dieses Thema gekommen? «Ich interessiere mich schon lange für den westlichen Tourismus in unterentwickelten Ländern. Daran kann man den Zustand unserer Gesellschaft gut aufzeigen», sagte er. Seidl seziert. Er führt einen Rundumschlag aus und spricht in seinem Film das Verhältnis Europa/Afrika, Ausbeuter/Ausgebeutete, Macht/Geld und Altern/Körperlichkeit an.

Seidl provoziert, doch verurteilt er nicht. Er versuche beide Seiten zu verstehen. Die reifen Damen, die sich wegen ihrer Fettleibigkeit und ihres Alters hässlich fänden, aber auch die Beachboys, die für Geld Sex verkaufen. Für die einen sei es ein Weg aus der Einsamkeit, für die anderen gehe es ums Überleben und um Statusdenken. «Alles dreht sich dort ums Geld. Die Kenianer glauben, dass wir noch eine Schuld abzuleisten haben. Gleichzeitig punktet man und gewinnt an Ansehen. Das ist die Macht der weißen Haut», sagte der Österreicher abschließend.

Filmfestival

news.de/dpa

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