Durchgehört Musik gegen das System

Finnland, Österreich, England: Die große Krise hinterlässt ihre Spuren. Cats On Fire sagen dem System den Untergang voraus. Kommando Elefant verfluchen Castingshows. Die Cornshed Sisters fliehen in eine Märchenwelt.

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zurück Weiter Lana Del Rey (Foto) Zur Fotostrecke Foto: Universal/Nicole Nodland

Das hat man dann davon. Finnland, seit 2003 Seriensieger in der Pisa-Studie, hat die wohl schlausten jungen Leute der Welt. Und wie das so ist bei schlauen jungen Leuten: Sie stellen plötzlich alles infrage.

So ist es jetzt auch bei Cats On Fire gekommen. Auf All Blackshirts To Me, ihrem dritten Album, werden sie unverhohlen politisch, frech, revolutionär. Smash It To Pieces etwa besingt die Rache des Steuerzahlers. Eine sinnlose, goldene, sündhaft teure Statue soll da zerstört werden, und man kann sie gut als Metapher für Rettungsschirme, Milliardenbürgschaften und Banken-Subventionen verstehen. In 1914 And Beyond wird es noch ein bisschen grundsätzlicher. «This wicked system won't survive this generation»Dieses unmenschliche System / wird diese Generation nicht überleben , heißt die Prophezeiung im Angesicht der großen europäischen Krise.

Freilich sind Cats On Fire nicht plötzlich zum Agit-Pop übergewechselt. Es gibt auf All Blackshirts To Me weiter sehr feine Indie-Songs voller Weltschmerz und Romantik. Immer wieder sind selbst die Gitarrenmelodien so schön, dass man sie mitsingen möchte, permanent extrapoliert Mattias Björkas jede Zeile, die er singt, und lässt seine Texte damit mindestens so bedeutungsvoll klingen wie die Lyrik von Morrissey. Das Album profitiert auch vom Hintergrundgesang von Band-Neuling Iiris Viljanen und einem insgesamt etwas volleren, vielfältigeren Sound.

Zwischen dem fast wuchtigen A Different Light und der Zärtlichkeit von There Goes The Alarm haben Cats On Fire wohl tatsächlich ein sehr finnisches Album gemacht: ein bisschen schüchtern, ein bisschen wehmütig, sehr schön – und sehr schlau.

Künstler: Cats On Fire
Album: All Blackshirts To Me
Plattenfirma: Cargo Records
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Kommando Elefant sind zumindest thematisch nah dran an den Finnen. «Und die Welt brennt / das ist Entertainment», heißt die erste Zeile ihres Albums Scheitern als Show. Die Österreicher haben sich für ihre dritte Platte an ein Konzeptalbum gewagt: Wie in einem Hörspiel analysieren sie die Lage der Dinge, halten der Welt und sich selbst den Spiegel vor. Auch hier gibt es eine Parallele zu Cats On Fire: Das ist mitunter explizite Systemkritik, wird aber niemals belehrend. Bei aller Aktualität bleibt Scheitern als Show eine Platte, die großen Spaß macht.

Das Quartett um Sänger und Mastermind Alf Peherstorfer bewegt sich in klassischen Poprock-Gefilden, irgendwo zwischen den Sportfreunden Stiller und Wir sind Helden. Mal geht es in Richtung Punk (Jennifer), mal wird es eher melancholisch (Ozean). Alles ist bestens geeignet fürs Radio, kraftvoll, mitreißend und eingängig. Höchste Zeit, dass die Band aus Wien ihre Botschaft auch im Nachbarland unters Volk bringen kann: Es hat keinen Sinn, Angst vor dem Scheitern zu haben.

Künstler: Kommando Elefant
Album: Scheitern als Show
Plattenfirma: LasVegas Records
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Höchst gewagt muss man das nennen. Vielleicht sogar geschmacklos. Zu einem sehr geschmackvollen Klavier und einer dezenten Gitarre singen die Cornshed Sisters einen zuckersüßen Refrain. Und der heißt: «If bombs were love / then you can call me Dresden.»Wenn Liebe wie Bomben wäre / dann bin ich wohl Dresden Auch wenn das Lied bloß eine Coverversion ist, kann das doch als eine typische Methode für die Cornshed Sisters gelten: Sie sehen aus wie die Unschuld vom Lande, aber sie haben es faustdick hinter den Ohren.

Das Quartett aus Sunderland (Jennie, Cath, Liz und Marie sind streng biologisch betrachtet übrigens keine Schwestern) vermischt auf seinem Debüt Tell Tales immer wieder den zauberhaftesten Wohlklang mit schauderlichen, witzigen, grotesken Geschichten. Es geht um wilde Tiere oder Wahrsager, dazu gibt es lediglich ein bisschen Klavier, gelegentlich eine Gitarre oder Ukulele und immer tollen Harmonie-Gesang. Das beste Beispiel für diese Mischung aus tiefschwarzem Humor und putziger Musik ist Pies For The Fair, das bloß aus Klatschen und Gesang besteht: Hier erzählen die Cornshed Sisters die Geschichte einer Frau, die Menschenfleisch zu Pasteten verarbeitet. Gespenstisch.

Künstler: The Cornshed Sisters
Album: Tell Tales
Plattenfirma: Memphis Industries
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

iwi/news.de

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