Fernsehen Letztes «Philosophisches Quartett» im ZDF

Berlin - Philosoph und Bestseller-Autor sind beide, doch mancher empfindet den 47-jährigen Richard David Precht wohl als pointierter und telegener als den bald 65-jährigen Peter Sloterdijk.

Letztes «Philosophisches Quartett» im ZDF (Foto)
Letztes «Philosophisches Quartett» im ZDF Bild: dpa

Ab Herbst jedenfalls schickt das ZDF lieber Precht («Wer bin ich - und wenn ja wie viele?») statt Sloterdijk («Kritik der zynischen Vernunft») als Fernseh-Philosophen an den Start.

An diesem Sonntag (00.10 Uhr/Nacht zum Montag) läuft die letzte Ausgabe - Nummer 63 - der Sendung «Das Philosophische Quartett», in der Sloterdijk und sein TV-Gefährte Rüdiger Safranski (67) wieder zwei prominente Gäste begrüßen. Angekündigt sind der Schriftsteller Martin Walser (85) und der Verleger Michael Krüger (68). Das Thema lautet passend zum Finale: «Die Kunst des Aufhörens».

Mit intellektuellem Abstand zum aktuellen Talkshow-Theater war das «Quartett» einer der wenigen Sendeplätze im deutschen Fernsehen, auf denen allgemeinere Gedanken zu gesellschaftlichen Themen wie Angst, Krieg, Bankenkrise, Euro, Papsttum oder Manieren entwickelt werden durften. Daneben fällt einem fast nur noch die kulturelle Gesprächsrunde «ZDF Nachtstudio» ein, die jedoch mit dem eher befragenden Volker Panzer einen anderen Ablauf hat.

«Wir bedauern es alle, dass es zu Ende geht. Wir hätten gerne weitergemacht. Doch die Programmplanung des ZDF ist nun mal nicht unsere Sache», sagt Thomas Schröder, Geschäftsführer der Produktionsfirma FTS Media, die jetzt nicht mehr länger im Boot ist.

Auch Rüdiger Safranski bekannte in einem dpa-Gespräch Ende März: «Peter Sloterdijk und ich bedauern das sehr, weil wir die Sendung sehr gerne gemacht haben und auch mit großer Freude und Leidenschaft weitergemacht hätten.» Ihre auf den ersten Blick altertümlich wirkende Sendung, «in der halbwegs kluge Menschen reden und in Ruhe ein Thema erkunden und in der nicht der plakative Streit im Mittelpunkt steht», habe ihre Daseinsberechtigung gehabt und sei ein gutes Gegenbild zum Rest des Fernsehprogramms gewesen. «Streitrunden mit Einspielfilmen und Publikumsbefragungen gibt es ja schon genug.»

Das Aus verkündete das ZDF am Tag nach der vergangenen Sendung vom 25. März. Peter Arens, Leiter der Kultur und Wissenschaft bei dem öffentlich-rechtlichen Sender, ließ mitteilen: «Es war eine schöne Zeit, wir haben Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski viel zu verdanken. Wir haben mit den beiden Spitzenphilosophen eine unverwechselbare Marke im Kulturfernsehen gesetzt. Es ist nun aber doch die Zeit gekommen, dass wir im Zeichen des Wandels im ZDF nach zehn Jahren neue Wege gehen wollen.»

Die nächtliche Sendung hatte stets um die 500 000 Zuschauer. Das Wort «Quartett» im Name deutete auf eine Traditionslinie hin. Die Sendung war eine Art Nachfolger der legendären TV-Runde «Das Literarische Quartett». Die frühere Buchkritik-Show mit Marcel Reich-Ranicki lief von 1988 bis Dezember 2001. «Das Philosophische Quartett» startete dann am 20. Januar 2002. Die ersten zehn Sendungen kamen aus Dresden, von 2003 bis 2010 wurde aus Wolfsburg gesendet. Erst im April 2011 zog die Show nach Berlin.

Welches Konzept die neue Sendung mit Precht haben wird und wie sie heißen soll, war auch in dieser Woche nicht zu erfahren. Der Stand in Mainz ist also anscheinend noch wie Ende März, als es hieß: «Das ZDF plant, im Herbst 2012 ein neues Format mit dem Philosophen und Publizisten Richard David Precht zu senden, das sich formal und inhaltlich vom "Philosophischen Quartett" unterscheiden wird.»

Fast als Ironie der Geschichte jedenfalls könnte man es sehen, dass der Karlsruher Hochschulrektor Sloterdijk und sein Co-Moderator Safranski, die immer auf Gäste jenseits der üblichen Talkshow-Nomaden gesetzt haben, nun ausgerechnet von Precht ersetzt werden, der in jüngerer Zeit eine Art Dauergast in aktuellen Talkshows geworden ist.

Sloterdijk wettert in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung «Die Zeit»: «Precht ist vom Handwerk her Journalist und als solcher Popularisator von Beruf. Ob er wirklich, wie das ZDF annimmt, zu einer Verjüngung des Publikums beitragen wird, bezweifle ich allerdings. Seine Klientel gleicht eher der von André Rieu, den hören auch vor allem Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung.»

ZDF-Ankündigung der Sendung am 13.5.

news.de/dpa

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