Betrug am Verbraucher Die dreckigen Tricks der Unternehmen

Lebensmittelskandale
Essen zum Ekeln

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Schinken aus zusammengeklebten Fleischresten und verdreckte Toiletten für überteuerte Bahntickets. Für Martin Wehrle ist der Kunde nicht mehr Kunde, er ist König Arsch. Zeit, dass sich der «moderne Trottel» zur Wehr setzt.

Dioxin in Eiern, Schinken, der aus Fleischresten zusammengeklebt wurde - ein Lebensmittelskandal jagt den nächsten. Der Verbraucher ist geschockt, sucht nach Alternativen im Supermarkt und gibt sich die größte Mühe, das Kauderwelsch auf Zutatenlisten zu enträtseln. Nur, um am Ende wieder zum gewohnten Produkt zu greifen. Wie ein dummes Schaf.

Doch nicht nur bei Lebensmitteln wird der Verbraucher jeden Tag aufs Neue über den Tisch gezogen: Statt einen Servicetechniker zu schicken, lassen Unternehmen den Kunden jetzt selbst defekte Bauteile im Computer ersetzen. Der Experte erklärt die Handgriffe, natürlich nur per Hotline, die Minutenpreise von mehr als einem Euro haben. Doch warum ist das so? Die Antwort hat das Buch König Arsch: «Die Unternehmen haben begriffen: So billig wie der Kunde, für null Euro, so rechtlos wie er, ohne Arbeitsvertrag und ohne Kündigungsschutz, wird ein Angestellter niemals arbeiten.» Das Buch können Sie hier direkt bestellen.

Und wer im Supermarkt zur Kundenkarte greift, der erspart es den Unternehmen, Millionen Euro für teure Marktforschung auszugeben. Nicht anders funktioniert es bei der Werbung. Wer Markenklamotten kauft, der zahlt nicht für das Produkt, sondern wird «als Lastesel vor den Karren der Werbung gespannt».

Kundenfreundlichkeit ist stinkender Sondermüll

Martin Wehrle, eigentlich Karrierecoach und Autor des Buches Arbeiten im Irrenhaus, hat sie zusammengetragen, die miesen Tricks, mit denen große Konzerne den mündigen Verbraucher zum hirnlosen Käufer degradieren. König Arsch ist ein buntes Sammelsurium all der Absurditäten, an denen so viele Kunden schon verzweifelt sind.

Dabei beißen wir längst wieder herzhaft in Schummelfleisch, lecken uns die Finger nach dem zähflüssigen Analogkäse auf der Tiefkühlpizza und haben uns damit abgefunden, dass in riesigen Lebensmittelverpackungen vor allem Luft und nur wenig Inhalt verkauft wird. Ebenso sehr haben wir uns damit abgefunden, dass der Service nicht mehr darin besteht, dass wir bedient und beraten werden. Es wird uns als schöne, neue Welt verkauft, dass wir Kunden uns jetzt selbst helfen können. Dabei dürfte es jedem Kunden längst wie Martin Wehrle ergehen, der meint: «Ich will nicht länger zuschauen, wie in der Firmenbroschüre die Kundenfreundlichkeit bejubelt, aber gleichzeitig das Kundencenter wie stinkender Sondermüll ausgelagert wird.»

Und auch damit müssen wir Kunden uns abfinden: Automaten haben das Personal ersetzt. Wofür aber zahlen Bankkunden dann eigentlich Gebühren, wenn das Kundencenter längst nur noch eine Bandansage ist? Das Urteil des geneppten Buchautors: «Banken sind Vampire, wenn es um die Gebühren geht; sie saugen ihre Kunden hemmungslos aus.»

Vieles von dem, was Wehrle in König Arsch zusammengetragen hat, haben Millionen Kunden am eigenen Leib erfahren. Deshalb ist das Buch zwar wenig überraschend, aber noch längst nicht langweilig. Schonungslos drastisch und mit frechen Spekulationen garniert, serviert Wehrle eine ätzende Servicewüste. König Arsch stellt einer Unternehmenskultur ein bitterböses Zeugnis aus, bei dem man vor Lachen nur noch weinen möchte.

Firmen-Images sind dreiste Werbelügen

Kein Wunder also, dass Wehrle der Deutschen Bahn und ihrer - weithin - bekannten, verqueren Vorstellung von Kundendienst gleich ein ganzes Kapitel widmet. Seite um Seite darf der Leser den Kopf schütteln, wenn die zehn dreistesten Bankgebühren, die zehn schmutzigsten Tricks von Handwerkern und die sieben frechsten Werbelügen offenbart werden. Ganze neun Kapitel widmet Wehrle, der als Verbraucher oft genug selbst an der Nase herumgeführt wurde, der Entzauberung braver Firmenimages, um dann im vorletzten Kapitel die Machenschaften zu bündeln, mit denen die Firmen die Verbraucher wie Marionetten nach ihren eigenen Regeln tanzen lassen.

Bis dahin wollte man als Leser das Buch eigentlich längst beiseite gelegt haben, um all den Nonsens nicht mehr ertragen zu müssen, der Verbrauchern täglich begegnet. Wer es nicht tut, der sucht in König Arsch noch immer die Antwort auf die Frage: Wie kann ich mich als Verbraucher eigentlich wehren?

Unternehmen spielen mit der Feigheit des Verbrauchers

Zwar hat Wehrle ganze 217 Seiten lang auch immer mal seine eigenen Versuche untergebracht, jenen Paroli zu bieten, die ihn - ganz ungerechtfertigt - als säumigen Zahler einstufen, nur um das Versagen des eigenen Unternehmens zu vertuschen. Und gelegentlich garniert er seine Erlebnisse mit richterlichen Entscheidungen, die der Kunde im On- und Offlinegeschäft am besten im Schlaf zitieren können müsste, um zum eigenen Recht zu kommen.

König Arsch scheut aber auch nicht davor zurück, den Verbraucher in die Kritik zu nehmen. Schließlich sind wir Kunden selbst schuld an der Misere. Sind wir doch nicht «konsequent genug, bei den günstigsten Anbietern zu kaufen; nicht mutig genug, die maximalen Rabatte auszuhandeln; und nicht politisch genug, unsere geballte Verbrauchermacht gegenüber den Unternehmen und dem Gesetzgeber auszuspielen».

Doch die echte Antwort, wie man als Kunde einen gehörigen Aufstand anzettelt, die spart sich der Autor für das letzte Kapitel des Buches auf. Strategisch geschickt. Denn bis man sich dahin durchgelesen hat, brennt die Wut heiß genug, um das brave, stillschweigende Kundendasein zu durchbrechen, zu dem die Unternehmen uns so lange erzogen haben. Ob wir Kunden allerdings dauerhaft in der Lage sind, diese Lethargie zu durchbrechen, darauf hat auch Martin Wehrle keine Antwort. Zumindest aber stachelt König Arsch den Wutbürger in uns an. Ein bisschen.

Fragt sich nur: Wie lange können wir den Wutkunden leben, bevor wir wieder in die alten Rollenmuster verfallen, die uns die Unternehmen anerzogen haben - durch die Gänge schleichend, bloß nicht aufmucken und schön brav die Euros auf die Kassentheke legen. Hier können Sie König Arsch direkt bestellen.

Bester Satz: «Die Nahrungsmittelindustrie betreibt ein Alchimisten-Handwerk, wobei sie Scheiße nicht einmal in Gold verwandelt, sondern lediglich hübsch presst, würzt, färbt, verpackt - und dann dem Verbraucher auf den Teller klatscht.»

Autor: Martin Wehrle
Titel: König Arsch. Mein Leben als Kunde - der ganz normale Wahnsinn
Verlag: Heyne
Umfang: 256 Seiten
Preis: 12,99 Euro
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

rzf/sca/news.de

Leserkommentare (47) Jetzt Artikel kommentieren
  • ichgebmeinensenfdazu
  • Kommentar 47
  • 18.06.2012 17:53

Wie man sich dagegen wehrt? Ganz einfach! Filmt die Mogelpackungen, markiert die Klauseln in den Abzockverträgen und stellt sie mit den Namen der Firmen in die Internetblogs wie YouTube z.B.. So wie das ein kleines schottisches Mädchen mit ihrem Schulessen gemacht hat. Ansonsten erst begutachten, dann kaufen. Erst den Vertrag genau lesen, dann ggf. unterzeichnen.

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  • karlnariorivera
  • Kommentar 46
  • 03.06.2012 16:56

Die sollen doch ihren Scheiss selber essen und dann daran ersticken und das lassen den Kunden immer nur bescheissen und denken die sind ja sowiso bekloppt und fressen unsere scheisse schon!

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  • Felix Kroll
  • Kommentar 45
  • 02.06.2012 13:06

Mir kann man auf den Tellerrand scheissen, dann esse ich trotzdem weiter !

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