Literatur «Die Brücke von Coca»: Das Leben ist eine Baustelle

«Die Brücke von Coca»: Das Leben ist eine Baustelle (Foto)
«Die Brücke von Coca»: Das Leben ist eine Baustelle Bild: dpa

Berlin - Dubai ist überall. Internationale Architektenbüros entwerfen Städte auf dem Reißbrett, Wanderarbeiter aus aller Herren Länder bauen sie.

Ingenieure heuern als Nomaden mal hier, mal dort an. Großbaustellen sind Schmelztiegel. Wie in einem Brennglas bricht sich in ihnen die globalisierte Welt.

Eine solche internationale Großbaustelle als Symbol der Moderne präsentiert uns die französische Autorin Maylis de Kerangal in ihrem neuen Roman «Die Brücke von Coca». Es ist ihr siebtes Buch, für das sie mit dem renommierten Prix de Médicis ausgezeichnet wurde.

In Frankreich lobte man die Autorin für ihren amerikanisch-realistischen Stil. Endlich mal keine pathologische Nabelschau, keine eitle Selbstreflexion, wie sie französische Autoren so lieben. Stattdessen ein klarer, naturalistischer Blick auf die Welt. Tatsächlich hat Maylis de Kerangal längere Zeit in den USA gelebt, und das fiktive Coca ihres Romans ist ganz offensichtlich in Kalifornien angesiedelt. Was ihre realistische Schreibweise angeht, so bleibt dahin gestellt, ob sie sich an amerikanischen Autoren orientiert hat. Es gibt auch in Frankreich Vorbilder. Jedenfalls hat sie wie der große Emile Zola nicht nur ganze Bibliotheken durchforstet, sondern auch Vorortstudien betrieben. Vier Ingenieure haben das Manuskript angeblich kritisch geprüft.

Diese Sorgfalt hat sich gelohnt. Denn ihre technisch präzisen Darstellungen des Brückenbauwerks sind schon beeindruckend. Genauso wie die akribisch wiedergegebenen Arbeitsabläufe an einer solchen Großbaustelle. Doch das allein macht natürlich noch keinen guten Roman aus. Im Gegenteil, es könnte am Ende ein ziemlich ödes Sachbuch dabei herauskommen. Die wahre Kunst besteht darin, all dies mit dem Schicksal der Menschen zu verknüpfen, die in Coca arbeiten und es zu einem Abbild der Welt im Kleinen machen. Und das gelingt der Autorin vorzüglich. Der Roman ist selbst wie ein Bauwerk komponiert.

Etwa zehn Personen geraten ins Blickfeld - vom Bauunternehmer Diderot, einem heruntergekommenen Steve-McQueen-Typ, über die «Frau für den Beton», Summer Diamantis, bis zum Arbeiter Mo Yun, einem dünnbeinigen Chinesen und ehemaligen Bergmann. Sie alle zieht es nach Coca, denn «Coca ist das Versprechen auf das große Leben.» Niemand kommt dorthin, um Wurzeln zu schlagen, sich zu zerstreuen oder zu erholen, alle wollen etwas tun: «Man holt tief Luft, tritt einmal kräftig gegen die Tür, tritt ein, ohne zu warten, ohne sich ankündigen zu lassen, und setzt seinen Plan um.»

Doch ohne den Bürgermeister John Johnson, genannt Boa, würde es die Brücke gar nicht geben. Angeödet von dem verschlafenen Mief seiner Stadt mit ihren «klebrigen Traditionen», elektrisiert von einem Besuch in Dubai mit seinen pharaonischen Werken, will er aus Coca eine «brand new city» machen. Coca soll zur «Stadt des dritten Jahrtausends» werden. Schade nur, dass die Indianer auf der anderen Seite des Flusses, denen man mit der Brücke auf die Pelle rückt, das etwas anders sehen. Konflikte sind unvermeidlich.

«Die Brücke von Coca» ist insofern ein Gesellschaftsroman, als er unsere globalisierte Welt beispielhaft auf den Punkt bringt. Ein politisches Statement ist damit allerdings nicht verbunden. Wer ist gut, wer ist böse? Der Bürgermeister, der Bauunternehmer, die Indianer? Das muss jeder Leser selbst entscheiden. Nur eins ist klar: Die Brücke wird am Ende gebaut.

(Service Maylis de Kerangal: Die Brücke von Coca. Suhrkamp Verlag, Berlin, 287 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-518-42292-2)

Verlagsseite zum Buch

news.de/dpa

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