Theater An der Ekelgrenze: Berliner Theatertreffen provoziert

An der Ekelgrenze: Berliner Theatertreffen provoziert (Foto)
An der Ekelgrenze: Berliner Theatertreffen provoziert Bild: dpa

Berlin - Ausdauernd und ohne Angst vor geschmacklichen Entgleisungen - so sieht dieses Jahr der idealtypische Besucher des Berliner Theatertreffens aus.

Wenn die Leistungsschau der deutschsprachigen Bühnen am Freitag (4. Mai) startet, beginnt alles noch verhältnismäßig harmlos. Die Münchner Kammerspiele eröffnen das knapp dreiwöchige Festival mit der Sarah-Kane-Trilogie «Gesäubert/Gier/4.48 Psychose» in der Regie von Johan Simons.

Doch schon am nächsten Tag droht es unappetitlich zu werden. Dann treten die deutsch-norwegischen Theatermacher Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdsten mit ihrem bis zu 12-stündigen Ibsen-Abend «John Gabriel Borkman» an. Da könne es zu extremen Konfrontationen zwischen Schauspielern und Zuschauern kommen, hat die neue Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer angekündigt. Als sie selbst eine der jedes Mal anders gestalteten Aufführungen gesehen habe, habe sie sich schon mal gefragt: «Ist das hier alles noch unter Kontrolle?»

Regisseur und Schauspieler Vinge pinkele sich immer wieder selbst in den Mund, sagt Büdenhölzer. «Er scheißt manchmal auf die Bühne.» Zuschauer- und Bühnenraum sind nicht mehr klar abgegrenzt. Das Publikum wird zum Mitmachen animiert - sollte zum Beispiel einmal Bänke aus dem Zuschauerraum herausreißen und in den Bühnenraum werfen. Kunst oder nur kindische Provokation?

Die zehn «bemerkenswertesten» Inszenierungen der Saison hat eine Kritikerjury für das Theatertreffen ausgewählt. Wohl noch nie in der Geschichte des Festivals habe es dabei so viele so lange Stücke gegeben, sagt Büdenhölzer. Nicolas Stemanns Interpretation von Goethes «Faust I + II» (Thalia Theater Hamburg/Salzburger Festspiele) dauert 8 Stunden 15 Minuten. Alvis Hermanis zeigt Tschechows «Platonov» (Burgtheater Wien) in einer Version von 4 Stunden 45 Minuten. «Generell frage ich mich schon, ob die langen Inszenierungen auch eine Antwort der Theatermacher auf die Beschleunigung unserer Gesellschaft sind», sagt die Theatertreffen-Chefin.

Die Berliner Volksbühne ist beim Festival gleich mit drei Inszenierungen vertreten. Sie zeigt neben dem Marathon-Abend von Vinge/Müller/Reinholdsten auch Arbeiten von Herbert Fritsch und René Pollesch. Die Münchner Kammerspiele reisen mit zwei Inszenierungen an. Nach Johan Simons Eröffnungsstück «Gesäubert/Gier/4.48 Psychose» zeigt Karin Henkel ihre Shakespeare-Inszenierung «Macbeth». Weitere Inszenierungen kommen von Milo Rau und Lukas Langhoff.

Ein Drittel der eingeladenen Ensembles sind sogenannte Theaterkollektive. Star-Regisseure wie Andrea Breth, Luc Bondy, Claus Peymann und Frank Castorf tauchen auf der Gästeliste nicht mehr auf. «Es gibt definitiv einen Generationswechsel», meint die 35-jährige Büdenhölzer. «Es wächst eine neue Generation von Theatermachern nach und diese wird von der Theatertreffen-Jury auch wahrgenommen.» Manch einer sieht das anders. Peymann sagt, die Jury-Auswahl sei nicht mehr ernst zu nehmen, und kommt zu dem Schluss: «Schafft endlich das Theatertreffen ab!».

Theatertreffen-Auswahl

news.de/dpa

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