Fernsehen Nach 30 Talkshows: Wie läuft's bei «Günther Jauch»?

Berlin - Von einer «übernatürlichen Erwartungshaltung», die er kaum einlösen könne, sprach Günther Jauch (55) vor dem Start seiner ARD-Talkshow im September 2011.

Nach 30 Talkshows: Wie läuft's bei «Günther Jauch»? (Foto)
Nach 30 Talkshows: Wie läuft's bei «Günther Jauch»? Bild: dpa

Und: Er werde «10, 20, 30 Sendungen» brauchen, um am Konzept zu feilen - eine «Evolution, aber keine Revolution».

Am Sonntagabend lief die 30. Ausgabe des Polittalks «Günther Jauch» - Zeit also für eine Zwischenbilanz. Gast war der querschnittsgelähmte «Wetten, dass..?»-Kandidat Samuel Koch (24), der über seine 16 Monate seit dem Unglück in der ZDF-Liveshow sprach. Thema: «Schicksalsschläge - Samuel Kochs zweites Leben».

«Nach 30 Sendungen ist klar: "Günther Jauch" hat sich am Sonntagabend im "Ersten" etabliert. Die anfangs erkennbare Nervosität hat der Moderator abgelegt», sagt der Medienexperte Bernd Gäbler (59), Professor für Medienkommunikation an der FHM Bielefeld und ehemaliger Leiter des Adolf-Grimme-Instituts.

«Günther Jauch ist kein Freund zukunftsweisender Themen oder gar intellektueller Ausflüge», meint Gäbler. «Er ist und bleibt ein Kontrollfreak. Er fragt, was zu fragen ist, aber initiiert keine lebendigen oder gar spontanen Debatten. Das ist seine größte Schwäche als Talkmaster. Am Ende versöhnt er die Menschen stets mit der vergangenen Woche und meist auch mit der Politik.»

Nach Angaben der Marktforscher von Media Control haben die ersten 30 Ausgaben von «Günther Jauch» im Schnitt 4,59 Millionen Menschen gesehen (15,4 Prozent Marktanteil).

Jauchs Vorgängerin auf dem Sendeplatz nach dem traditionellen Sonntagskrimi - Anne Will - hatte im ersten Halbjahr 2011 durchschnittlich 4,05 Millionen Zuschauer (14,2 Prozent). Seit Ende August muss Will jetzt am Mittwochabend talken, weil die ARD für Jauch den Sonntag freischaufelte. Sein Engagement fürs «Erste» ist auf mindestens drei Jahre angelegt.

Von Jauchs bisherigen Shows hatten sieben Ausgaben Christian Wulff als Thema. Nimmt man noch die Sendung vom 18. März dazu («Joachim Gauck - der Volks-Präsident?»), beschäftigte sich Deutschlands wohl beliebtester Fernsehmann achtmal mit dem Thema Bundespräsident.

«Unter dem Label "Günther Jauch" laufen in der ARD eigentlich zwei verschiedene Sendungen», erklärt Experte Gäbler, «einmal ist es die TV-Diskussion des auf der Hand liegenden aktuellen Themas, weitgehend mit den auf der Hand liegenden Gästen. Darum befasste er sich bisher in rund einem Viertel aller Sendungen mit dem Thema Wulff.» Das sei nicht unbedingt Jauchs Problem, aber schon das der rund 14 anderen wöchentlichen Talkshows, die das ebenfalls während dieser Zeit taten.

Der zweite Sendungstypus widme sich einem sogenannten gesellschaftspolitischen Thema wie Stress, Benzinpreis, Rente oder Alkoholismus, sagt Gäbler, meist mit den Methoden von Service oder Gefühls-Management. «Bis in die musikalische Untermalung der Filmbeiträge hinein greift die Redaktion dann auf die Usancen von "Stern TV" zurück. Hier tritt die emotionale Betroffenheit meist an die Stelle des Arguments.» Jauch gab vor seinem Start in der ARD das Magazin «Stern TV» bei RTL ab. Nach wie vor ist er aber für den Privatsender als Quizmaster («Wer wird Millionär?») im Einsatz.

Dreimal fiel «Günther Jauch» bislang am Sonntagabend aus: Ostern, Weihnachten und am 4. Dezember, weil er da lieber für RTL einen Jahresrückblick moderierte. Eine Sonderausgabe ging an einem Freitag über die Bühne: am 17. Februar diskutierte Jauch tagesaktuell über Hintergründe und Folgen von «Wulffs Rücktritt».

Seinen bisherigen Quotenrekord bei der ARD stellte er am 8. Januar auf. Die Sendung mit dem Thema «Der Problem-Präsident - wie glaubwürdig ist Christian Wulff?» erreichte 5,81 Millionen Zuschauer. Die danach meistgesehene Ausgabe war der Auftritt der SPD-Politiker Helmut Schmidt und Peer Steinbrück am 23. Oktober: 5,62 Millionen sahen zu. Die Show mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als einzigem Gast schalteten am 25. September nur etwa 4,3 Millionen ein.

Jauch wurde übrigens am 11. März kurz selbst zum Thema in seiner eigenen Sendung: In der Diskussion über Wulffs Ehrensold kritisierte Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf (SPD) den Gehälter-Unterschied in Deutschland und griff den Talkmaster mit der Feststellung an, er bekomme ungerecht viel Geld, das Vielfache des Kanzlerinnen-Gehalts. Jauch konterte etwas hilflos: «Das wissen Sie ja gar nicht.» Und: Er beklage sich ja auch nicht.

«Günther Jauch»

news.de/dpa

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