Literatur Israelischer Historiker: Grass ist kein Antisemit

Berlin/Tel Aviv - Der israelische Historiker Tom Segev hat Günter Grass gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz genommen.

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Israelischer Historiker: Grass ist kein Antisemit Bild: dpa

«Er ist kein Antisemit, er ist nicht anti-israelisch», sagte Segev am Mittwoch dem Deutschlandradio Kultur. Probleme habe er aber mit dessen Gleichsetzung des Iran mit Israel. Israel habe schließlich «noch von keinem Land gesagt (.), dass es aus der Welt geschafft werden muss», wie es der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad «Tag für Tag» über Israel wiederhole.

Ansonsten empfinde er das Grass-Gedicht als etwas «pathetisch» und «egozentrisch». Es gebe in Israel seit längerer Zeit eine rege Diskussion darüber, ob das Land den Iran angreifen solle oder nicht. «Deshalb fand ich das ein bisschen pathetisch, dass da ein deutscher Schriftsteller auf einmal sein 'Schweigen brechen' muss, wie wenn irgendwer über das israelische Atomprojekt jemals geschwiegen hätte», sagte Segev.

Im übrigen sei es völlig legitim, die Politik der israelischen Regierung zu kritisieren. Allerdings sei zu bezweifeln, dass Grass die Situation im Nahen Osten angemessen beurteilen könne: «Für mich ist es so, dass ich lieber Literatur von Günter Grass lese und Atomanalysen von einem früheren Mossad-Chef», sagte Segev.

Segev hatte Grass im vergangenen Jahr gegen den Vorwurf in Schutz genommen, dieser habe die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocausts mit den in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gestorbenen deutschen Soldaten verrechnen wollen. In einem Interview, das Segev, der Deutsch spricht, mit Grass für die israelische Zeitung «Haaretz» führte, hatte Grass gesagt, von acht Millionen deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion hätten nur zwei Millionen überlebt. Der Rest sei «liquidiert» worden. Tatsächlich starben in sowjetischer Kriegsgefangenschaft 1,1 Millionen Deutsche, vor allem an Hunger und Krankheiten.

news.de/dpa

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