Literatur Von Hoover bis 9/11: Tim Weiner seziert das FBI

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Von Hoover bis 9/11: Tim Weiner seziert das FBI Bild: dpa

Frankfurt/Main - Mit dem FBI verbindet man gern das Bild von beherzten Agenten, die in den Weiten Amerikas Gangster zur Strecke bringen. Doch oberstes Ziel des 1908 gegründeten Federal Bureau of Investigation war von Beginn an, auch politische Feinde zu jagen.

Schon immer war der Nachrichtendienst des FBI innerhalb der Bundeskriminalpolizei besonders wichtig. Und keiner hat diesen Apparat so ausgebaut wie J. Edgar Hoover, der von 1924 bis 1972 FBI-Chef war und gleich acht Präsidenten überlebte. Schon 1920 hatte Hoover mit der Festsetzung von 6000 potenziellen Kommunisten für die größte Massenverhaftung der US-Geschichte gesorgt, wie Pulitzerpreisträger Tim Weiner in seinem neuen Buch schreibt.

Nach der CIA hat sich Weiner, der jahrelang über die Geheimdienste für die «New York Times» berichtete, das FBI vorgeknöpft. Mit Hilfe zum Teil erst jüngst freigegebener offizieller Dokumente hat er ein neues Standardwerk zum legendären Dienst vorgelegt. Das Buch ist jetzt fast zeitgleich in den USA und Deutschland auf den Markt gekommen. Und es ist ein richtiger Thriller geworden. Für den deutschen Leser mag einiges in dem detailversessenen Schmöker zu sehr in die amerikanischen Tiefen gehen. Es gibt aber noch genug spannende Geschichten zur Entschädigung - bis hin zu den Hintergründen der Anschläge des 11. September 2001 und der anschließenden Terroristenjagd.

Hoover, der wohl mächtiger als mancher Präsident war, ist die zentrale Figur des Buchs. Weiner geht seinen zahlreichen illegalen Aktionen nach. Nicht nur im Kampf gegen die ihm verhassten Kommunisten und Homosexuellen schreckt Hoover vor nichts zurück. Den schwarzen Bürgerrechtler und Frauenheld Martin Luther King ließ er in den Betten abhören. John F. Kennedy erging es nicht viel besser.

Aber Weiner verteufelt Hoover nicht - auch weil dieser im Kampf gegen die Sowjetunion im Kalten Krieg einige große Erfolge erzielt. Den Tod Hoovers hat das FBI, das sich gern mit dem Rivalen CIA zerfleischte, jahrzehntelang nicht verkraftet. Unter Präsident Bill Clinton widmet sich das FBI dann dessen Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky intensiver als dem Terrorismus. Für Al Kaida war zur Jahrtausendwende nur ein einziger Agent zuständig, wie Weiner schreibt.

Erst nach 9/11 berappelt sich das FBI. Erstaunlicherweise ist es für Weiner der eine Woche vor den Anschlägen unter George Bush ins Amt gekommene Robert Mueller, der dem Bureau wieder zu neuem Ansehen verhilft. Mueller ist es, der 2004 mit dem Rücktritt droht, falls Bush die 2001 gestarteten großkalibrigen Abhöraktionen von Telefonen und Internet fortsetzt. Und der Präsident knickt ein - weil er sich vor einem in der Öffentlichkeit schwer kalkulierbaren Rücktritt des FBI-Chefs fürchtet.

Tim Weiner, FBI: Die wahre Geschichte einer legendären Organisation, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2012, 22,99 Euro, ISBN: 978-3-10-091071-4

news.de/dpa

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