Musik Wolfgang Rihm über Provinz und Spaziergänge

Wolfgang Rihm über Provinz und  Spaziergänge (Foto)
Wolfgang Rihm über Provinz und Spaziergänge Bild: dpa

Karlsruhe - Der Komponist Wolfgang Rihm feiert am 13. März seinen 60. Geburtstag. Sein umfangreiches Werk ist in Konzertsälen in aller Welt zu hören.

Seine Geburts- und Heimatstadt Karlsruhe widmet ihm vom 16. März bis zum 6. April im Rahmen der Europäischen Kulturtage ein umfangreiches Programm mit Konzerten, Filmvorführungen, Ballettaufführungen und Diskussionen. Ein Gespräch am Frühstückstisch.

Herr Rihm, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie morgens die Zeitung aufschlagen?

Rihm: «hm ... aha ... soso ... tja ... ooch ...»

Was empfinden Sie, wenn die Karlsruher Straßenbahn mit einem Rihm-Bild vorbei fährt?

Rihm: «Das geschah mir noch nie; aber meine Tochter berichtet: Das sei sehr lustig.»

Karlsruhe bemüht derzeit Salzburg: Sie als der Mozart Karlsruhes. Aber in Karlsruhe gibt es keinen Bischof wie in Salzburg, der Mozart mit einem A...tritt entlassen hat. Wie ist denn Ihr Verhältnis zur Stadt?

Rihm: «Arschtritte kann man auch von weniger hohen Würdenträgern erhalten. Aber vielleicht wirkt meine physische Erscheinung hemmend. Mein Verhältnis zur Stadt Karlsruhe ist von gelassener Grundstimmung. Ich kann hier in Ruhe arbeiten. Bis jetzt zumindest.»

Gibt's in Karlsruhe wie in Salzburg zum Pendant Mozart bald «Rihm-Kugeln»?

Rihm: «Weiß ich nicht. Fragen Sie beim Karlsruher Konditor "Endle" nach.»

Ist Ihre Heimatverbundenheit ein Bekenntnis zur Provinz?

Rihm: «Wichtig ist doch, dass das Werk weltweit wahrgenommen wird. Die Bars und Partys der Metropolen sind überfüllt von Unwahrgenommenen.»

Sie sind in Karlsruhe auch körperlich präsent. Die Bürger begegnen Ihnen in Restaurants und auf der Straße. Manchmal wirken Sie abwesend; komponiert es da in Ihnen?

Rihm: «Ich denke im Gehen über vieles nach, nutze die rhythmisierte Zeit zum Schweifenlassen der Gedanken. Vieles ordnet sich dabei. Das mag einen störungsunwilligen Eindruck abgeben.»

Thomas Mann hat pro Vormittag eine DIN A 4-Seite «gedichtet». Gehen Sie ähnlich beamtenmäßig ans Werk?

Rihm: «Kunst entsteht, indem sie gemacht wird. Das braucht Zeit. Zeit braucht, um produktiv werden zu können, Rhythmus. Die Werke erzeugen ihren eigenen Entstehungsrhythmus. Ich folge diesem.»

Kann man mit rund 350 Werken sein eigenes Schaffen noch überblicken?

Rihm: «Ein Oeuvre entsteht ja nicht, um "überblickt" werden zu können. Schon gar nicht vom Schaffenden selbst. Die Natur bringt Früchte ja auch nicht hervor, damit sie in Kisten à 25 Stück versandt werden können.»

Die Tradition ist in Ihren Werken sicht- und hörbar. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen so konträren Vorbildern wie Karlheinz Stockhausens avantgardistischem Orchesterwerk «Inori» und Wilhelm Killmayers hochmelodiöser Operette «Yolimba»?

Rihm: «Ich empfinde da gar keine Veranlassung zu schaffenspsychologischer Verrenkung. Schließlich liegen die Dinge für den Eingeweihten sowieso nicht soweit auseinander, wie es die Zaungastperspektive des Tages jeweils nahezulegen scheint.»

Gibt es einen «Schlager», den Sie so richtig gut finden?

Rihm: «Da bin ich nun wirklich kein Eingeweihter. Nobody is perfect.»

Kritiker vergleichen Sie immer wieder mit Richard Strauss, dem Erfolgskomponisten des letzten Jahrhunderts - eine Beleidigung, ein Kompliment oder einfach nur Unsinn?

Rihm: «Ist es für einen Schriftsteller "beleidigend", wenn er mit Goethe verglichen wird? Außerdem: Man wird sowieso immer verglichen - irgendwann auch mit sich selbst.»

Was halten Sie von dem Motto der Europäischen Kulturtage in Karlsruhe «Musik baut Europa»?

Rihm: «Musik kann nichts bauen, das wissen wir. Aber das Sprachbild ist apart, besonders zu Zeiten, wo man den Eindruck gewinnen muss, daß Europa gänzlich aus währungspolitischen Erwägungen besteht. Es scheint also noch etwas anderes zu geben.»

Beginnt jetzt Ihr Alterswerk?

Rihm: «Jeder Tag lässt Dich doch in veränderter Gestalt Dir selbst begegnen. Außerdem: Wann ein "Alterswerk" beginnt, liegt nicht in der Hand des Künstlers, obwohl es nur seine Hand schaffen kann. Warten wir also ab. Wir werden es früh genug erfahren. Geduld!»

Programm Kulturtage

news.de/dpa

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