Bielefeld - Schon als Kind wusste er, was er später einmal werden wollte: Schulmeister, Schriftsteller, Archivar. All dies ist er auch geworden, in dieser Reihenfolge.
Seinen größten Ruhm erwarb sich Walter Kempowski (1929-2007) aber als Schriftsteller.
Der Autor Tom Peuckert hat die Texte des großen deutschen Chronisten, der ein Meister des Erinnerns und des Sammelns war, in eine Bühnenfassung gebracht, die am Sonntag im Theater Bielefeld Uraufführung feierte. Das Publikum spendete langanhaltenden Beifall.
«Walter - Eine Geschichte für sich» umspannt die Zeit von 1939 bis 1956, erzählt von der Kindheit des Reedersohns in Rostock über seine langjährige Haftzeit in Bautzen bis zum Lehramtsstudium in Göttingen. In seinen Büchern schilderte Kempowski die deutsche Geschichte von der Kaiserzeit bis in die sechziger Jahre exemplarisch anhand der eigenen Familiengeschichte. Er gab in seinem Gesamtwerk jedoch nicht nur persönliche Erinnerungen wieder, sondern trug auch fremde Stimmen zusammen. Anhand von gesammelten Erzählpartikeln wollte er die Dinge dem kollektiven Vergessen entreißen.
Tom Peuckert, 1962 in Leipzig geboren, gelingt es, den collagehaften, assoziativen Erzählstil Kempowskis zu dramatisieren und damit bühnentauglich zu machen. Er verdichtet die Ereignisse der drei Romane «Tadellöser & Wolff», «Uns geht's ja noch gold» und «Ein Kapitel für sich» aus der neunteiligen «Deutschen Chronik» auf knapp 80 Minuten. Dabei schafft er es, das Bild einer fünfköpfigen Familie in den Wirren des Zweiten Weltkrieges zu zeichnen.
Zu der Familie gehören der stets korrekte, leicht schrullige Vater mit seiner ganz besonderen Diktion («Ansage mir frisch!»), die gluckenhaft-naive Mutter («Nein, wie isses denn nur möglich?») oder auch der schüchterne Walter, der sich dennoch in der Hitler-Jugend auflehnt. Und der als 18-Jähriger mit seiner Unbedachtheit nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mutter und seinen Bruder ins Gefängnis bringt. «Mich quält meine persönliche Schuld. Ich habe meine Familie zerstört. Und jetzt suche ich sie auf dem Papier wieder aufzubauen», begründet er selbst seinen Antrieb zu schreiben.
«Walter - Eine Geschichte für sich» handelt aber auch von Kempowskis lebenslangem Kampf um Anerkennung. Peuckert lässt am Schluss des Stückes die Kritiker zu Wort kommen, die Kempowski wegen seiner anekdotenhaften Erzählungen als «Großmeister der Putzigkeit» rügen, der keine «vorschriftsmäßige Vergangenheitsbewältigung» leiste. Mit angeklebten Schnurrbärten stehen zum Ausklang gleich fünf Walter auf der Bühne und verteidigen die ihm eigene Erinnerungskultur: «Die Tagebücher der Alten darf man nicht in den Sperrmüll werfen, denn es ist unsere Geschichte, die darin erzählt wird.»
news.de/dpa