Literatur Christa Wolf: «Welchen Preis zahlt der Künstler?»

Berlin - Die Schriftstellerin Christa Wolf war selbst eine leidenschaftliche Leserin und hat manche Bücher natürlich auch mehrmals gelesen. Dazu gehörte «Doktor Faustus» von Thomas Mann mit der für Wolf wesentlichen Frage, wie sie es einmal in einem Interview sagte: «Welchen Preis zahlt der Künstler für sein Werk?» So beginnt denn wohl nicht zufällig die Sammlung von Essays, Reden und Gesprächen Wolfs, die jetzt unter dem Titel «Rede, daß ich dich sehe» bei Suhrkamp herauskommen, mit ihrer Rede zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises 2010 in Lübeck - ein Jahr vor ihrem Tod Anfang Dezember 2011.

Christa Wolf: «Welchen Preis zahlt der Künstler?» (Foto)
Christa Wolf: «Welchen Preis zahlt der Künstler?» Bild: dpa

Es sind teils bekannte und einige auch bisher unveröffentlichte Texte, eine Fundgrube nicht nur für Christa-Wolf-Liebhaber. Die bisher nur verstreut erschienenen Texte sind in der komprimierten Zusammenstellung eine lesenswerte Auseinandersetzung mit Leben, Werk und Person der Autorin von Büchern wie «Der geteilte Himmel», «Kassandra» und «Nachdenken über Christa T.» anhand von Selbstaussagen. Es ist eine lohnende Lektüre, die anregt, noch einmal in Ruhe über eine der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit nachzudenken.

Christa Wolf hat ihren Preis gezahlt. Sie ist als große Literatin und moralische Instanz gefeiert und als «Staatsschriftstellerin» und sogar als kurzzeitige frühe Stasi-IM «Margarete» attackiert worden. «Ich hatte das nicht erwartet, weil ich vorher im Westen ja sehr anerkannt war, als 'gesamtdeutsche' Schriftstellerin», sagte Wolf zu den Angriffen 2005 in der «Zeit», und sie resümierte fünf Jahre später, also ein Jahr vor ihrem Tod, in einem «Spiegel»-Gespräch: «Es gab Zeiten, in denen mir das schwer zu schaffen machte. Inzwischen ist mir die Meinung der Nachwelt nicht mehr wichtig.» Sie sei summa summarum dankbar dafür, «wie mein Leben gelaufen ist».

Über die «Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses» schreibt die Autorin, die an ihre frühere kurzzeitige IM-Mitarbeit für die Stasi in jungen Jahren nach eigenem Bekunden erst selbst wieder erinnert werden musste, in ihrem Beitrag über Günter Grass und «Autobiographisches Schreiben» in der Literaturzeitschrift «die horen» 2007. Literaturnobelpreisträger Grass hatte seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS als Jugendlicher gegen Kriegsende erst im hohen Alter öffentlich gemacht. Aus seinem Buch «Beim Häuten der Zwiebel» könne man auch lernen, meinte Wolf, «wie lange man brauchte, bestimmte ungeheuerliche Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, und dann noch einmal lange, über manche eigenen Erlebnisse zu reden. Und die meisten, das wissen wir, reden nie.»

In einem hochinteressanten Beitrag zum Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 2007, der hier als Erstveröffentlichung abgedruckt wird («Nachdenken über den blinden Fleck»), spricht Wolf über Erinnern und Vergessen, «seit langem mein Thema», wie sie betonte. Es habe sie «in Konflikte und Krisen gestürzt und mich, manchmal, in Trauer und Selbstzweifel getrieben». Ohne Erinnerung gebe es kein Bewusstsein, meinte sie auch unter Hinweis auf den «massenhaft einsetzenden Erinnerungsverlust der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, der ja meistens Verleugnung von Mit-Wissen und Mit-Schuld war». Eine eigene Überlegung wäre es wert, meinte die Autorin von «Kindheitsmuster» und «Der geteilte Himmel», «ob nicht die deutsche Teilung, psychologisch gesehen, die Bevölkerung beider deutscher Teilstaaten entlastet, Schuldgefühle abgespalten und zurückgedrängt hat».

Christa Wolf hat regelmäßig auch Tagebuch geschrieben, die Notizen über einen bestimmten Tag im Jahr (27. September) hat sie 2003 veröffentlicht («Ein Tag im Jahr. 1960-2000»). Auf die Frage, ob die übrigen Tagebücher nach ihrem Tod eines Tages ebenfalls veröffentlicht werden, verweist der Verlag auf eine entsprechende frühere Aussage der Autorin aus dem Jahr 2005: «Wenn überhaupt, dann Jahre nach meinem Tod. Da steht sehr viel Persönliches drin, über nahe Menschen, auch Urteile, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.» Thomas Mann hatte für seine Tagebücher - für jene, die er 1945 nicht verbrannt hatte - eine 20-jährige Sperrfrist nach seinem Tod verfügt.

Christa Wolf: Rede, daß ich dich sehe. Essays, Reden, Gespräche. Suhrkamp Verlag, Berlin, 208 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-518-42313-4.

Suhrkamp Verlag

news.de/dpa

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