Musik Schnörkellos: Das neue Album von Gary

Schnörkellos: Das neue Album von Gary (Foto)
Schnörkellos: Das neue Album von Gary Bild: dpa

Berlin - Auf Gary ist Verlass. Man legt das neue Album «hey turtle, stop running!» (Siluh Records) der Band ein und fühlt sich - gemeint. Keine Schnörkel, keine Experimente, aber auch keine Kompromisse.

Stattdessen feiner, ehrlicher Pop-Rock, zusammengesetzt aus dem großen Kanon des Rock'n'Roll. «Wir sind die konservative Indie-Rock-Band», sagt Schauspieler Robert Stadlober, Sänger und Gitarrist der munteren deutsch-österreichischen Truppe. «Auf uns kann man sich verlassen, auf die Konservativen ja nicht mehr so», fügt er beim Interview mit der Nachrichtenagentur dpa augenzwinkernd hinzu.

Stadlober und seine Musikerkollegen - Sängerin und Gitarristin Astrid Noventa, die sich mit Bassist Daniel Moheit an den Tasten abwechselt - sitzen etwas übernächtigt vom letzten Auftritt in den Sesseln, lassen aber trotzdem durchaus vergnügt die Wortfetzen hin- und herfliegen. Sie machen eben ihrem Image einer wunderbar chaotischen Combo mit Hang zu anarchischem WG-Feeling, Selbstironie, ausgemachter Fröhlichkeit und glasklaren Songs immer noch alle Ehre. Auch nach zwölf Jahren Bandgeschichte schwimmt Gary zielsicher am Mainstream vorbei.

Schon der Titel des neuen Albums «hey turtle, stop running» und das eher schlichte Cover strotzen vor Anti-Coolness. «Wir sagen: Alles was ihr von uns wollt, werden wir Euch nicht geben», beschreibt Stadlober den fröhlichen Nihilismus und das Band-Streben nach Unabhängigkeit. So gibt es keine Schnörkel, keine fetten Bläsersätze oder elektronischen Klangteppiche, dafür die klassische Variante Gitarre, Bass, Schlagzeug und verschiedene Tasteninstrumente.

Im Jahr 2000 gründete Robert Stadlober die Band mit Freunden, im März 2002 kam schon das erste Album und erntete überwiegend positive Kritik. Viel Gitarren, viel Rock, viel Energie. Dann wurde es unruhig - Musiker und Freunde gaben sich die Klinke in die Hand. «Wir mussten uns in unserem Leben erst zurechtfinden», sagt Stadlober rückblickend. Acht Jahre nach dem ersten Album erschien 2010 die zweite Scheibe. Ausgereifter klingt sie und auch hier wird richtig schön geschrammelt.

Inzwischen herrschen wieder geordnet-chaotische Verhältnisse, die Stammbesetzung steht. Seit 2007 ist Astrid Noventa mit ihrer warmen Stimme dabei, eine gute Ergänzung zu Stadlober. Der Kreativmotor läuft. «Seit der letzten Platte haben wir uns entschlossen, intensiver zu arbeiten», sagt Noventa. So klingt das dritte Album ruhiger, präziser, bedachter, hat ein Wissen um Leichtigkeit und - mehr Pop als Rock.

«Love Is Love» ist hitverdächtig. Musik zum Hintern schwingen. Stadlober und Noventa zusammen klingen immer noch nach Jugend, nach Sommer mit 18, nach Unschuld, es beschleicht einen ein leicht sentimentales Gefühl. Das hat Charme, wie die ganze Platte. «Epitaph» ist eine Hymne für die Planverweigerer unter uns: This is our future/ Going up in flames. «Twisted Beds» greift tief in die Emotionskiste.

Stadlober, der Freiheitsliebende, hat sich eine Zeit lang sehr nach anderen Leuten gerichtet, wie er selber beschreibt. «Jetzt will ich mir nichts mehr von außen vorschreiben lassen». Angeklopft haben immer mal wieder Labels, aber nichts da - Unabhängigkeit ist ihm kostbarer. Gemeinsam mit Bernhard Kern hat er sein eigenes Independent-Label Siluh Records aufgebaut. «Wir haben uns gedacht, wir würden es gerne schaffen, ein Umfeld zu schaffen, in dem Musiker ernsthaft das machen können, was sie machen wollen und nicht, was sie sollen. Das funktioniert seit sechs Jahren gut.»

Aber als Sänger und Gitarrist von Gary kann Stadlober seinen Lebensunterhalt nach wie vor nicht bestreiten, sein Geld verdient er immer noch als Schauspieler. Musikerin Astrid Noventa arbeitet als Kostümbildnerin, Bassist Daniel Moheit ist Musiklehrer, auch Schlagzeuger Rasmus Engler geht trotz Spielens in «gefühlt 40 verschiedenen Bands» einem «Broterwerb» nach. «Seitdem wir nicht mehr denken, mit unserer Musik Geld zu verdienen, sind wir sehr entspannt», sagt Moheit.

Stadlobers Traum: An den absurdesten Orten der Welt spielen. Derzeit plant die Band eine Russland-Tour. «Wenn wir es schaffen, in Nowosibirsk zu spielen, dann bin ich zufrieden und kann in Rente gehen», sagt der 29-Jährige lachend. Erstmal geht's im Sommer aber nach Kroatien. Da wohnt ein Freund, der hat ein kleines Restaurant mit Terrasse. Da will Gary spielen. Egal auf welchen Bühnen der Welt die Band zu finden sein wird: Die Musiker machen sowieso, was sie wollen - darauf scheint Verlass.

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news.de/dpa

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