So., 27.05.12

Literatur 17.02.2012 Helen Walsh: Horror statt Mutter-Kind-Idylle

Helen Walsh: Horror statt Mutter-Kind-Idylle (Foto)
Helen Walsh: Horror statt Mutter-Kind-Idylle Bild: dpa

Endlich schwanger. Na ja, nach einer schnellen Nummer im Stehen. Aber trotzdem: «Ich würde die beste Mutter der Welt werden.» Der biologische Vater erfährt nichts. Rachel aus Liverpool, eine Jugendsozialarbeiterin, die bisher alles allein geschafft hat, träumt den rosigen Muttertraum. Bis die Realität sie einholt.

Köln (dpa) - Endlich schwanger. Na ja, nach einer schnellen Nummer im Stehen. Aber trotzdem: «Ich würde die beste Mutter der Welt werden.» Der biologische Vater erfährt nichts. Rachel aus Liverpool, eine Jugendsozialarbeiterin, die bisher alles allein geschafft hat, träumt den rosigen Muttertraum. Bis die Realität sie einholt.

Das Mutterdasein beginnt mit «blankem Horror». Von rabiaten Hebammen wird sie mehrfach abgewiesen - «kein freies Bett» oder «mehr Wehen, bitte» heißt es in der Klinik. Rachel bekommt ihren Sohn allein und in ihrem Wohnzimmer. Dann setzt ein mehrmonatiger brutaler Schlafentzug ein, Wahnvorstellungen machen sich breit. Was die Britin Helen Walsh in ihrem Roman «Ich will schlafen!» schildert, ist drastisch. So mancher Mutter scheint das aber nicht ganz unbekannt zu sein.

Walsh - Jahrgang 1976 - bricht mit ihrem neuen Titel ein Tabu. Postnatale Depression (PD). Kein Ausnahmephänomen. Gemeint sind nicht der Baby-Blues für ein paar Tage oder kurzzeitig durchdrehende Hormone, sondern eine ernsthafte Erkrankung. Nach Schätzungen trifft sie bis zu jede zehnte Mutter. Je nach Ausprägung kann es lebensbedrohlich für Mutter und Kind werden. Die Ursachen sind nicht erforscht, Schlafmangel und traumatische Erlebnisse wie der Verlust der eigenen Mutter können Auslöser sein. Helen Walsh hat mit ihrer Romanfigur eine typische PD-Kandidatin gewählt. Denn ihr kleiner Tyrann Joe lässt Rachel über Wochen kaum schlafen, und ihre eigene Mutter hat sie früh verloren.

Rachel wirkt authentisch. «Nichts als Saugen, Schmatzen, Wimmern, Heulen, Saugen, Schmatzen, Wimmern, Heulen und die verquollenen Augen, die betteln, bitte mach mich satt. Ich ertrage das nicht.» Rachel stopft sich Klopapier in die Ohren gegen das Dauerschreien, fühlt sich aufgefressen von dem kleinen Monster, läuft regelrecht vor ihm davon. Sie hat Panik vor dem Alleinsein mit Joe in der eigenen Wohnung, fühlt sich komplett überfordert. «Tierische Angst. Wie zum Teufel soll ich das nur schaffen». Um Hilfe zu bitten, kommt lange nicht infrage.

Vor allem fehlt die Entspannung: «Wenn du bloß schlafen würdest, könnte ich dich auch lieben.» Das schlechte Gewissen plagt, weil sich keine selbstlos-pure Mutterliebe einstellen will. Am Ende hat sie sogar Angst, sich oder ihrem Baby etwas anzutun - «merkwürdige Gewaltfantasien». Als das Buch 2011 in England im Original («Go To Sleep») erschien, habe es eine wahre Lawine losgetreten, heißt es beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch. In Tausenden E-Mails hätten Mütter der Autorin für deren offenes, ehrliches Buch gedankt. «Dieses Etwas, das wir fühlen sollten, weil es so vorprogrammiert ist: den beschissenen Mutterinstinkt. Ich habe ihn nicht! Kapiert?». Das ist zwar «nur» das Bekenntnis einer Romanfigur, wirkt aber wohl doch befreiend für so manche reale Mutter, die nicht ins verklärte Mama-Idealschema passt.

Die eindringlichen Schilderungen packen die Leser. In letzter Minute kommt Hilfe für Rachel, eine Therapie setzt ein und rasende Mutterliebe kann doch noch wachsen. Charlotte Roche («Feuchtgebiete») urteilt über das Buch: «So rührend, knallhart und realistisch ist über Geburt und Mutterschaft noch nie geschrieben worden.» Schon der Erstling von Helen Walsh, «Millie», hatte wegen radikaler und ungeschönter Beschreibungen über Sex, Drogen und Partys für Aufsehen gesorgt. Wenn die Autorin aus Liverpool nun im März bei der Kölner «Lit.Cologne» dem deutschen Publikum ihren neuen Titel vorstellen wird, könnte das ebenfalls emotionale Debatten auslösen.

Helen Walsh: Ich will schlafen, Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 320 Seiten, 19,99 Euro

news.de/dpa
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