Durchgehört Wundervoll elektrisch

Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Zwei neue Lieder und das Beste aus ihrer bisherigen Karriere packen Goldfrapp auf The Singles. Auch die Franzosen von Air blicken ein wenig zurück: Wie bei ihrem Debüt beschäftigen sie sich auf Le voyage dans la lune wieder mit dem Mond und den Wegen dorthin.

Nach fünf Alben und 13 Jahren wird es Zeit für eine Zwischenbilanz im Hause Goldfrapp. Das Electronic-Duo präsentiert auf The Singles einen Karriereüberblick, zwei neue Stücke gibt es obendrauf. Alison Goldfrapp und Will Gregory zeigen dabei nicht nur, dass Goldfrapp bei ihrer Erkundungstour durch die Electro-Welt erstaunlich unterschiedliche Gestalten angenommen haben. The Singles belegt auch, dass Alison Goldfrapp möglicherweise so etwas ist wie die Kylie Minogue mit der langweiligeren Biographie, aber den besseren Songs.

The Singles bietet eine Menge todschicke, gefühl- und charaktervolle Musik. Ab und zu schimmert ein Glamrock-Beat durch wie in Ooh La La. Lovely Head bringt Portishead und Burt Bacharach in so etwas wie einem Horrorfilm ohne Schockmomente zusammen. Utopia hat ebenfalls eine grandiose Technicolor-Ästhetik, aber dazu auch noch eine satte Dosis Kraft. Dazu kommen Soul- und Sixties-Elemente (Happiness), unfassbar stilechte Achtziger-Referenzen (Rocket) und Songs wie A&E, die den perfekten Mix aus Eleganz und Innovation hinbekommen.

Die beiden neuen Tracks von Goldfrapp sind ganz am Ende von The Singles platziert. Das zauberhafte Yellow Halo klingt wie das sanfte Erwachen aus einem herrlichen Traum, in den man dann doch wieder zurückfällt. Melancholy Sky schwebt eigentümlich, bis dann die Streicher das Sahnehäubchen auf dieses Album setzen. Das beste Fazit für diese Musik haben Goldfrapp mit einer Zeile in Strict Machine selbst gegeben: wonderful electric.

Interpret: Goldfrapp
Album: The Singles
Plattenfirma: Emi
Veröffentlichungsdatum: bereits erschienen

Der Mond? Da war doch was? Sehr richtig: Mit Le voyage dans la lune schließt sich für Air ein Kreis. Ihr Debütalbum hatten sie 1998, in offensichtlicher thematischer Verwandtschaft, Moon Safari genannt. Kein Wunder, dass Nicolas Godin und Jean-Benoit Dunckel dann zusagten, als sie gefragt wurden, ob sie nicht einen Soundtrack für Le voyage dans la lune machen wollten. Der Film von Georges Méliès aus dem Jahr 1902 ist nur eine runde Viertelstunde lang, aber der erste Science-Fiction-Film überhaupt. Für eine aufwendig restaurierte Farb-Version des Klassikers steuerten Air die Filmmusik bei, und die haben sie nun zu einem kompletten Album erweitert.

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Le voyage dans la lune zeigt mehr als alle anderen Alben in der Geschichte des Duos einen Charakterzug, der bei Air gerne übersehen wird: Die Franzosen werden gerne für Avantgarde gehalten, aber eigentlich sind sie Hippies. Ihre Musik verhält sich zu dem, was heute modern ist, wie Jules Verne zu Bruce Sterling. Vieles ist organisch aus Jam-Sessions hervorgegangen, nur zweimal wird wirklich gesungen, dazu kommen kleine Skizzen mit Piano und Orchester.

Das Ergebnis ist damit mal nahe an 10.000 Hz Legend, dem bisher muskulösesten Album von Air, und mal ähnlich verwunschen wie ihr Soundtrack zu The Virgin Suicides. Es geht auch hier ganz einfach um die Freude an der Melodie, am Rhythmus, auch an einzelnen Sounds. Le voyage dans la lune ist der beste Beweis: Air sind Träumer, Könner und durchaus auch Traditionalisten – und ihre Musik ist die Science Fiction von vor 100 Jahren.

Interpret: Air
Album: Le voyage dans la lune
Plattenfirma: Virgin
Veröffentlichungsdatum: bereits erschienen

«Wie The Cure, aber fröhlicher. Wie die Shout Out Louds, aber mit mehr Energie. Wie Vampire Weekend, aber mit mehr Rock. Wie Arcade Fire, aber mit mehr Pop.» So beschreiben You Say France & I Whistle ihren Sound. In der Tat liefern die Schweden mit Angry Men ein Debütalbum ab, das all diese Zutaten aufs Trefflichste vereint.

You Say France & I Whistle sind mitreißend, tanzbar, plakativ – aber diese Musik hält sich doch immer ein Hintertürchen offen, um notfalls schnell aus der völligen (und flüchtigen) Glückseligkeit fliehen zu können. Man hört Angry Men die Frische eines Debütalbums an, merkt aber auch (vor allem dank der Vielzahl ausgefallener Instrumente), dass hier keine Frischlinge am Werk sind. Nicht zuletzt haben viele Momente auf dieser Platte etwas Provisorisches, trotzdem ist praktisch jeder Song rundum gelungen.

Es gibt viel Hitpotenzial und reichlich Knackiges. Mit Johnny Ulysses holen You Say France & I Whistle ausnahmsweise mal etwas weiter aus, auch der Rausschmeißer Take My Shoes klingt vergleichsweise komplex. Das ist der Beweis, dass You Say France & I Whistle auch ernsthaft sein könnten, wenn sie wollten. Aber Gott sei Dank gibt es dazu erst einmal keinen Grund.

Interpret: You Say France & I Whistle
Album: Angry Men
Plattenfirma: SPV
Veröffentlichungsdatum: bereits erschienen

car/news.de

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