Nina Kusnezow erinnert sich noch genau an die Frau aus Coburg, die seit fünf Jahren arbeitslos ist und sich seitdem keine Karten mehr für die Basketballspiele des deutschen Meisters Brose Baskets Bamberg leisten konnte.
Bamberg/München (dpa) - Nina Kusnezow erinnert sich noch genau an die Frau aus Coburg, die seit fünf Jahren arbeitslos ist und sich seitdem keine Karten mehr für die Basketballspiele des deutschen Meisters Brose Baskets Bamberg leisten konnte.
Als also Kusnezow anrief, um der Frau zu sagen, dass sie zwei Karten bekommen könne, war diese ganz aus dem Häuschen. «Sie konnte das zunächst gar nicht fassen.» Kusnezow ist die Cheforganisatorin bei der Bamberger Kulturtafel. Kulturtafel? Tafeln kennt man inzwischen, sie vermitteln vielerorts in Deutschlands kostenlos Lebensmittel an Menschen, deren Geld nicht für den Lebensunterhalt ausreicht.
Das Prinzip der Kulturtafel funktioniert ähnlich, nur dass es nicht um Essen und Trinken geht - sondern um Kulturgenuss. Genauer gesagt um Eintrittskarten für kulturelle Veranstaltungen. Die Idee ist in Bayern noch relativ neu. Neben Bamberg, wo die Diakonie und das evangelische Dekanat kooperieren, gibt es in Bayern nur noch in München eine ähnliche Initiative, die sich Kulturraum nennt und von Ehrenamtlichen organisiert wird.
«Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein», zitiert Norbert Kern, Chef des Diakonischen Werks Bamberg-Forchheim, ein Bibelwort. Und begründet damit, warum seine Einrichtung sich dafür einsetzt, dass auch Hartz-IV-Empfänger, Senioren mit schmaler Rente oder Alleinerziehende mit knappem Budget hin und wieder ins Theater, ins Kino oder ins Konzert gehen können. Kultur sei kein Luxus. «Es geht um gesellschaftliche Teilhabe», sagt Kern.
Mehr als acht Prozent der Einwohner in Bamberg seien auf soziale Unterstützung angewiesen - und in den Regelsätzen sei für Kultur nichts vorgesehen. «Diese Menschen können die vielfältigen Kulturangebote in Bamberg nicht wahrnehmen.»
Der Kulturbegriff ist bei der Tafel bewusst breit ausgelegt - auch Spiele der Brose Baskets oder der Bamberger Fußballclubs gehören dazu, ebenso Schlagerkonzerte oder Auftritte von Comedians. Es geht nicht nur um klassische Musik und Theater. «Wir wollen hier keinen Kulturbegriff definieren», sagt Kern.
Und wie funktioniert das Tafel-Prinzip in der Kultur? Natürlich werben die Verantwortlichen bei Veranstaltern um kostenlose Tickets. Doch Freikarten alleine reichen nicht, wie Kern betont. Die Spiele der Brose Baskets seien schließlich meist ausverkauft, auch die Bamberger Symphoniker hätten eine Auslastung von 97 Prozent. Die Verantwortlichen der Kulturtafel setzen deshalb auf Menschen, die beispielsweise eine Basketball-Dauerkarte haben oder ein Abo für die Symphoniker - und einmal verhindert sind. Sie können dann bei der Kulturtafel anrufen, die entsprechende Veranstaltung, ihre Platznummern und ihre Kundennummer nennen. Und schon steht ihr Platz Bedürftigen zur Verfügung.
Jetzt kommt Kusnezow ins Spiel. Die Idee der Kulturtafel ist bei bedürftigen Menschen bekanntgemacht worden, die in einer Datenbank der Caritas oder Diakonie registriert sind. Wenn sie Interesse haben, können sie einen Fragebogen ausfüllen und ihre kulturellen Vorlieben angeben - denn schließlich soll niemand in eine Ballettaufführung eingeladen werden, wenn er lieber Fußball mag. Kusnezow sucht also nach passenden Kandidaten und bietet ihnen einen freien Platz beim Basketball oder bei den Symphonikern an. Vor Ort müssen sie dann nur zur Abendkasse, ihren Namen nennen - die Karte ist bereits hinterlegt. Niemand muss im Konzertsaal seine Bedürftigkeit nachweisen und den Hartz-IV-Bescheid zücken. «Wir regeln das so, dass das Selbstwertgefühl der Menschen nicht verletzt wird», betont Kusnezow.
Dieses Prinzip gilt auch im Münchner Kulturraum: «Die Menschen mit niedrigem Einkommen sind unsere Gäste. So werden sie bewusst bezeichnet», sagt Sprecherin Gabriele Forstner. Im Herbst begann ein Zusammenschluss Ehrenamtlicher mit der Vermittlung von nicht verkauften Karten oder sonstigen Ticketkontingenten, die Veranstalter zur Verfügung stellen. Rund 1500 Karten gingen laut Forstner seitdem an Hartz-IV-Empfänger oder andere hilfsbedürftige Menschen.
In Bamberg hatte Kusnezow selbst die Idee, eine Kulturtafel zu gründen. Sie wandte sich an den evangelischen Dekan Otfried Sperl, der den Schulterschluss mit der Diakonie suchte. Ende des vergangenen Jahres nahm das Projekt Fahrt auf, Diakonie-Chef Kern ist selbst von der guten Resonanz überrascht: Viele Institutionen hätten ihm spontan Unterstützung zugesichert, praktische Tipps gegeben und kräftig die Werbetrommel gerührt. Aber es brauchte einen Ansprechpartner, der die Datenbank pflegt, Anrufe entgegennimmt und Kontakt mit den Veranstaltern hält. Kusnezow hat jetzt eine feste Stelle im Diakonie-Büro. Zuvor war sie selbst auf Sozialhilfe angewiesen. Die Freude der Bedürftigen über die Eintrittskarten kann sie nur zu gut verstehen.
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