Mit ihrem neuen Album Befehl von unten ist die Transformation von Deichkind abgeschlossen. Mehr Techno war nie, Sozialkritik und Geschichten aus dem Leben sind geblieben. Deichkind sind massenkompatibel und gleichzeitig Punk.
Um es vorwegzunehmen, das Album von Deichkind ist ein schneller «grower». Es wächst einem ans Ohr, wird besser, je öfter man es hört. Ist man von den ersten musikalischen Vergleichen mit David Guetta eingeschüchtert, muss man sich schnell noch mal auf den fünften Longplayer der Hamburger einlassen, um eines Besseren belehrt zu werden.
Nach dem überraschenden Tod von Produzent und Mastermind Sebastian «Sebi» Hackert 2009 stand die Band kurz vor der Frage: geht's weiter und wenn ja wie? Die Antwort: «Wir müssen weitermachen, das hätte Sebi so gewollt», sagt das einzig verbliebene Gründungsmitglied Philipp Grütering. Das sei für die Band schnell klar gewesen, trotz aller Gerüchte, es könnte Deichkind ohne ihren Produzenten nicht geben: «Sebi war für die Band ein großer Motivator, aber er fehlt uns vor allem als Freund.» Der Befehl, nicht aufzugeben, sei auch ganz klar von den Fans gekommen. «Die haben mit uns mitgetrauert und uns durch die Konzerte getragen», sagt Sebastian «Porky» Dürre. Mit Befehl von ganz unten schließen sie ihre Transformation von der Hip-Hop-Kombo zu den Punks des Techno-Rap vollends ab.
Als Vorbote für das Album schickten sie vor ein paar Wochen bereits Leider geil in Rennen. «Die Platte von Deichkind war nicht so mein Ding, doch ihre Shows sind - leider geil!» Und kommentierten damit genau diese ewig schwelende Diskussion. Denn ihre Shows sind natürlich viel beschrieben tatsächlich «geil». Nicht nur durch die anfänglichen blauen Plastiksäcke, in denen sie auf die Bühne kamen, das Gummiboot, mit sie über die pogowippenden Menge paddelten, oder die Bierwelle, die zu jedem Konzert gehört. Sondern eben gerade auch durch die Musik. Die Rechnung 80 Prozent Einnahmen aus Konzerten und 20 Prozent aus Tonträgerverkäufen würde nicht aufgehen, wenn die Musik nicht auch gut wäre.
Dabei schätzen sie sogar die Illegalen Fans, wie im gleichnamigen Titel besungen. «Dieses Lied ist leider nicht verfügbar in ihrem Land / Unsere Antwort kennt ihr sicher, sie heißt Widerstand / Sechs Milliarden Terrabyte, die Leitung brennt wie nie / Das hier ist kein Klingelstreich, das ist Anarchie.» Deichkind verstehen die Fans.
Doch das alte Hip-Hop-Image ist zerstört. Sebastian «Porky» Dürre und Philipp Grütering tüfteln und schrauben an krassen Technobrettern, Soundflächen neben den Beats. Ferris MC Hilton rappt wie gehabt. Tour-DJ Phono kümmert sich um den mittlerweile durchgedachten Auftritt, der trotzdem noch genug Platz für Anarchie lässt.
Die erste tatsächliche Single Bück dich hoch ist bereits gern gehörter Gast sämtlicher Radiostationen. Schließlich kann sich jeder in den Zwängen der Arbeitswelt, die beschrieben werden, wiederfinden. Deichkind sind massenkompatibel und gleichzeitig Punk. 99 Bierkanister gipfelt mit schönen Grüßen an Nena im Refrain «Achtung alle Hände hoch». Das Album ist ein textlicher Rundumschlag sämtlicher gesellschaftlicher Themen und dazu laut.
Der Mond ist tot ist da die ruhige, melodiöse Ausnahme. Und zum Schluss kommt der Supercoup. Die rote Kiste mit dem Hamburger Punkurgesteinen Slime. Soll wohl heißen, dass man sich stilistisch alles offen lässt. Die Deichkind-Transformation geht weiter.
Künstler: Deichkind
Album: Befehl von unten
Plattenfirma: Universal Music
Erscheinungsdatum: 10. Februar 2012