Sind Stift und Zettel zur Hand, kritzeln die meisten Menschen unbewusst beim Telefonieren oder in Konferenzen. In der Regel landen solche Spontanzeichnungen mit Linien, Kästchen oder Strichmännchen im Mülleimer.
Hannover (dpa) - Sind Stift und Zettel zur Hand, kritzeln die meisten Menschen unbewusst beim Telefonieren oder in Konferenzen. In der Regel landen solche Spontanzeichnungen mit Linien, Kästchen oder Strichmännchen im Mülleimer.
Christoph Rust, Professor für Ästhetik und Kommunikation an der Fachhochschule Bielefeld, hat sie zum Ausgangspunkt für ein Kunstprojekt gemacht. Der 58-Jährige sprach Menschen an und drückte ihnen einen Stift und ein weißes Blatt Papier in die Hand. Eine Minute lang durfte jeder kreativ werden, währenddessen verwickelte Rust den Zeichnenden in ein Gespräch.
«Die Ergebnisse haben meine Erwartungen weit übertroffen», sagt Rust, der als freischaffender Künstler in Hannover lebt. Mit dem Projekt will er an die Geschichte der sozialen Kunst mit ihrem wichtigsten Vertreter Joseph Beuys anknüpfen. Kulturstaatsminister Bernd Neumann lieferte ebenso eine Skizze ab wie ein Pariser Obdachloser, eine Punkerin, ein sechsjähriger Junge und eine 87 Jahre alte Rentnerin. «Mir war wichtig, dass alle Bevölkerungsgruppen vertreten sind», sagt der Initiator, der auch Bekannte zum Kritzeln animierte.
Nach der 60-Sekunden-Zeichnung bat Rust die Teilnehmer um ein Foto eines Details aus der Umgebung, das später digital in die Skizze hineinkopiert wurde. Die 37 Werke sind vom 11. Februar bis zum 4. März in Schloss Landestrost in Neustadt am Rübenberge (Niedersachsen) zu sehen. Anschließend werden sie zugunsten von Amnesty International versteigert. Auch ein Künstlerbuch ist erschienen. Rust gehe mit diesem Projekt einer Archäologie der Zeichnung nach, schreibt darin die Berliner Kunstwissenschaftlerin Dorothée Bauerle-Willert. «Jedes dieser Blätter ist eine Entdeckung.»
Den Professor beeindruckte vor allem die Kreativität der Teilnehmer. So zeichnete der Pariser Obdachlose seine Freundin und fotografierte einen Gully. Zeichnung und Foto kommentieren sich oft gegenseitig und geben Einblick in die Psyche und Lebenswelt des Urhebers. In der Kunstgeschichte spielen Spontanzeichnungen nach Rusts Recherchen nur bei den Surrealisten eine Rolle. «Sie waren am meisten am Unbewussten interessiert und experimentierten mit dem automatischen Schreiben.»
Der Professor, der angehende Kulturpädagogen ausbildet, sieht in der Schule oder in Jugendzentren Raum für ähnlich gelagerte Projekte. «Jeder trägt Kreativität in sich. Der Kunstunterricht in der Schule ist da leider häufig kontraproduktiv», sagt Rust, der damals selbst stets die Rückseiten seiner Schulhefte mit Segelschiffen oder Karikaturen voll kritzelte.
news.de/dpa