Er ist einer, der nicht viel Aufhebens um sich macht. Walter Kappacher, Büchnerpreisträger des Jahres 2009, gilt als zurückhaltender Mann.
Berlin (dpa) - Er ist einer, der nicht viel Aufhebens um sich macht. Walter Kappacher, Büchnerpreisträger des Jahres 2009, gilt als zurückhaltender Mann.
Dem 1938 in Salzburg geborenen Österreicher, der erst mit dem Toskana-Roman «Selina» (2005) eine größere Leserschaft fand, ist jeder Rummel fremd. «Über meinen Stil denke ich nicht nach. Ich versuche Sätze zu schreiben, die mir selber gefallen», sagte der Autor anlässlich der Preisverleihung vor zwei Jahren.
Kappachers Helden sind unauffällige Zeitgenossen, stille Zweifler und Grübler, die plötzlich innehalten in ihrem Alltagstrott und von einem ganz anderen Leben träumen. So wie Wessely, der Arzt aus Bad Gastein, Protagonist seines neuen Romans «Land der roten Steine». Der Mediziner, der in seiner Jugend mit einer literarischen Karriere geliebäugelt hatte, steht nun vor seiner Pensionierung und muss feststellen, dass es um ihn herum einsam wird.
Sein alter Vater ist gestorben, der gute Freund Hans und auch Elisabeth, die von ihm getrennt lebende Mutter seiner Tochter Hanne. Seine Schwester Anna lebt im Kloster. Wessely müsste aufbrechen in ein neues Leben, in Anlehnung an Dante nennt Kappacher den ersten Teil seines hellsichtigen Romans «Vita nuova». In immer neuen Anläufen umkreist der Autor sein Thema, wechselt die Erzählperspektiven und schildert mit großer Ernsthaftigkeit und in einer klaren, schnörkellosen Sprache eine Lebenskrise, die vielleicht auch eine Chance sein könnte.
«Eine namenlose Sehnsucht» hat Besitz von Wessely ergriffen, er bricht auf in den Südwesten der USA, tief hinein in den Canyonlands-Nationalpark. Dort fährt er mit Everett, seinem von den Navajos abstammenden Fremdenführer, im Jeep in das schwer zugängliche Gebiet «The Maze» (Das Labyrinth). Hier, in der menschenleeren Einöde, scheint der Held zu sich zu finden. An einem Tag bleibt er allein am Zeltplatz und imaginiert sich in die bizarr geformte, vor Millionen von Jahren entstandene Canyon-Landschaft hinein. Und erlebt ein großes Glücksgefühl. Beim Betrachten von uralten Zeichnungen hoch oben an einer Felswand spürt er die Spiritualität der Ureinwohner.
Eine zivilisationsmüde Melancholie zieht sich durch diesen kleinen Roman: An den fortschrittskritischen Filmessay «Koyaaanisqatsi» (1982) wird ebenso erinnert wie an die Aufzeichnungen des jungen amerikanischen Poeten, Malers und Aussteigers Everett Ruess, der 1934 in der Wüste Utahs verschollen blieb. Wessely ist fasziniert von dessen Schicksal. Das wäre das Größte auch für ihn: einfach losgehen und alles hinter sich lassen.
Aber natürlich ist Wessely in sein eigenes Leben verstrickt, die wenigen Tage im Nationalpark rücken bald nach seiner Rückkehr in weite Ferne. Den Ruhestand empfindet er als Last, der Winter naht: «Alles blieb beim Alten. Die Weichen wurden ja schon viel früher gestellt.» Aber doch steht am Ende dieses lebensklugen Romans keine Resignation, sondern die illusionslose Einsicht in die begrenzten Möglichkeiten unserer Existenz. Dieser Epilog hallt lange nach.
Walter Kappacher
Land der roten Steine
Hanser Verlag, München
158 S., Euro 17,90
ISBN 978-3-446-23861-9
news.de/dpa