Ein Bandname, der sich praktisch nicht googeln lässt - das spricht schon mal für Selbstvertrauen. Selbstbewusst und in der deutschen Indierock-Szene sehr eigenständig klingt auch das ganz großartige Album des Hamburger Quartetts Sport.
Berlin (dpa) - Ein Bandname, der sich praktisch nicht googeln lässt - das spricht schon mal für Selbstvertrauen. Selbstbewusst und in der deutschen Indierock-Szene sehr eigenständig klingt auch das ganz großartige Album des Hamburger Quartetts Sport.
«Aus der Asche, aus dem Staub» (Strange Ways/Indigo) ist erst die vierte Platte der bereits seit 15 Jahren bestehenden Truppe um den seit kurzem in Berlin lebenden Sänger Felix Müller. Und tatsächlich: Wie ein Phönix steigt diese immer schon als hochtalentiert geltende Band aus der Asche der fast Vergessenen.
Sport verbinden intelligente, klischeefreie Texte mit virtuos-dynamischem Rock, der phasenweise an den US-Alternative-Sound der 90er Jahre erinnert - und ganz besonders an die tolle Hamburger Gruppe Kante, zu der Müller seit 1997 gehört.
Zwischen sehr persönlichen, anrührenden Beobachtungen («Wir wollten nur mal hören»), dringlichen Appellen («Wer führt Dein Leben») und ökologisch-resignierten Botschaften («In einem Land nach unserer Zeit») pendeln Sport auf diesem Comeback-Album.
Wohl zum ersten Mal hört man hier einen Song, der die Sehnsucht einsamer Eltern nach telefonischen Lebenszeichen ihrer längst erwachsenen Kinder thematisiert: «Wir wollten nur mal hören, wie es geht/Was Ihr so macht? Wann kommt Ihr denn mal wieder?/Wir wollen Euch ja nicht stören, doch wenn es geht/Ruft doch mal zurück, wir sind ja immer hier.»
Originell auch «Der Tod singt den Blues» mit dramatischen 9/11-Reportageschnipseln. Hier darf der Sensenmann zu dröhnenden Grunge-Gitarren endlich einmal seine Sicht der Dinge schildern: «Doch was mir niemand glauben mag/Ich liebe es, Euer Leben/Ich leide dabei, es zu nehmen, doch ich kann nicht umhin/Es dauert nur einen Augenschlag/Und niemand kann mir vergeben/Weil alle, die mir gegenübertreten, vergehen.»
Das hat nur noch wenig von den politisch-kopflastigen Entwürfen der großen Hamburger-Schule-Diskursbands Blumfeld oder Tocotronic, die Felix Müller einst beeinflussten. Gleichwohl sind die Sport-Texte wohl das Klügste, was derzeit im deutschen Rock zu hören ist - vielleicht mal abgesehen von der ähnlich ausgereiften Kölner Band Locas In Love.
Musikalisch ist das Album kein bisschen weniger anspruchsvoll. Wuchtig und mit vielen schönen Details (die Maracas in «Eldorado»!) produziert von Felix Müller selbst, haben sich die vier Sportler für eine kompetente Mischung aus treibendem, angerautem Rock und ruhigerem Gitarren-/Pianopop entschieden.
Die Berliner Indie-Songwriterin Masha Qrella (Background Vocals) und Tomte-Keyboarder Simon Frontzek (Klavier) polstern «Dünnes Eis» mit ihren Gastbeiträgen aus. Und spätestens nach dem zutiefst melancholischen Schlusssong «Den Fluss hinab» hat sich der Meisterwerk-Verdacht für dieses Album bestätigt. Fazit: Eine der Platten, an denen sich deutschsprachige Popmusik in diesem Jahr messen lassen muss.
news.de/dpa