«Chimes Of Freedom» Lieder, die die Welt verändern

Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Der gute Zweck war schon oft ein Vorwand, um schlimme musikalische Verbrechen zu rechtfertigen. Bei Chimes Of Freedom ist das nicht so: Mit Coverversionen von Bob Dylan auf vier CDs feiern Künstler hier den 50. Geburtstag von Amnesty International.

Musik und Menschenrechte? Das scheint in diesen Tagen nicht viel miteinander zu tun zu haben. Auf dem Tahrir-Platz wurde nicht gesungen, als vor einem Jahr die Ägypter Hosni Mubarak davon jagten. In der Ukraine zieht man sich lieber aus, um gegen Korruption und Diskriminierung zu protestieren, als zur Gitarre zu greifen. Und sucht man im Internet, dem Hauptquartier des Aufstands gegen die Macht der Finanzmärkte, nach «Hymne der Occupy-Bewegung», dann spuckt Google gerade einmal 199 Treffer aus.

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Das ist durchaus erstaunlich. Denn Musik ist eigentlich immer dabei, wenn Menschen gemeinsam für ihre Rechte kämpfen. Das bündisch Liedlein schweißte im Bauernkrieg zusammen, die Marseillaise wurde zum Triumphschrei der Französischen Revolution. Wenn wir schreiten Seit’ an Seit’ war Ausdruck der Hoffnungen der Arbeiterbewegung. Wer sich auflehnt, wer für eine bessere Welt eintritt, der hat gerne ein Lied auf den Lippen, das eint, tröstet, Mut macht.

Musik und Politik verschmelzen im Protest

Auch im Zeitalter des Pop ist diese Verbindung durchaus wirkungsmächtig. Punk und Hip Hop haben das bewiesen. Am eindrucksvollsten war diese Kombination aber sicher in der Flower-Power-Bewegung. Wer diese Ära heute auf Schlaghosen, Kiffen und Gänseblümchen reduziert, unterschätzt den «Power»-Bestandteil fahrlässig. Die Lieder der Zeit haben tief in die Gesellschaft hinein gewirkt, sie haben die Art und Weise grundlegend verändert, wie wir in Familien, Beziehungen oder Politik miteinander umgehen. Nimmt man allein den Begriff «1968», dann wird dabei alles zugleich gedacht: Krieg, Mode, Sex, Protest, Drogen, Musik - all das ist untrennbar miteinander verwoben.

Wohl niemand verdeutlicht das so gut wie Bob Dylan. «Seit den frühen sechziger Jahren hat Mr. Dylan aus Worten und Musik ein nahezu unendliches künstlerisches Universum geschaffen, das den gesamten Globus durchdrungen und wirklich die Weltgeschichte verändert hat», brachte das – ohne eine Spur von Übertreibung – Literaturprofessor Gordon Ball auf den Punkt, als er 1996 Bob Dylan für den Literaturnobelpreis nominierte.

Es ist also eine naheliegende Wahl, den 50. Geburtstag von Amnesty International auch mit seinen Liedern zu feiern. Das internationale Wirken der 1961 gegründeten Menschrechtsorganisation begann fast zeitgleich mit der Plattenkarriere von Bob Dylan. Und es sind seine Lieder, mehr als die von irgendjemand anderem, die seitdem bewiesen haben, wie man mit Musik den Finger in die Wunden unserer Zeit legen kann.

Fast alle Lieder wurden eigens für Chimes Of Freedom eingespielt

Chimes Of Freedom versammelt zum Jubiläum von Amnesty International auf vier CDs Coverversionen von Bob-Dylan-Songs. Die Auswahl der Stücke überrascht allerdings zunächst. Einige von Dylans besten und eindringlichsten Protestliedern fehlen. Es wäre spannend gewesen, wie Hard Times In New York Town klingt, neuinterpretiert nach dem Kollaps der Wall Street. Talking World War III Blues hätte vor dem Hintergrund des Kräftemessens mit dem Iran auch reichlich Aktualität gehabt. A Hard Rain’s A-Gonna Fall, Masters Of War oder Only A Pawn In Their Game bleiben ebenfalls unberücksichtigt.

Auch das Anliegen, einfach gute Coverversionen von Bob-Dylan-Stücken zu versammeln, ist nicht das Konzept von Chimes Of Freedom, denn es fehlen einige der Künstler, die große Hits mit Dylans Songs hatten, wie The Byrds, Peter Paul & Mary, Jimi Hendrix oder Guns’N’Roses. Das verwundert allerdings nicht mehr, wenn man weiß, dass hier nicht einfach bereits Vorhandenes neu zusammengestellt wurde. 70 der hier versammelten 80 Lieder wurden extra für Chimes Of Freedom aufgenommen, die restlichen zehn waren bisher unveröffentlicht.

Somit wird auf Chimes Of Freedom eine ganze Menge geboten. Die vier CDs versammeln große Namen (Sting, Mark Knopfler, Bryan Ferry, Lenny Kravitz, Elvis Costello, The Gaslight Anthem, Patti Smith), Wegbegleiter von Bob Dylan (Johnny Cash, Joan Baez, Pete Seeger) und spannende Newcomer (Freelance Whales, Cage The Elephant).

Coverversionen mit viel Respekt vor Bob Dylan

Fast alle Coverversionen gehen äußerst respektvoll mit den Vorlagen um, trotzdem bietet Chimes Of Freedom eine enorme stilistische Bandbreite. Mariachi El Bronx zeigen mit Love Sick, dass man auch in Mexiko Liebeskummer haben kann - und dass Tequila offensichtlich auch kein wirksames Gegenmittel ist. Ziggy Marley beweist, dass Blowin’ In The Wind auch als Reggae funktioniert. Betty LaVette verwandelt Most Of The Time in einen Soul-Schmachtfetzen. K’Naan schafft es, aus With God On Our Side einen Hip-Hop-Track zu machen, ohne das Original zu meucheln. Evan Rachel Wood entwickelt I’d Have You Anytime in Richtung Jazz. Und Flogging Molly legen den Verdacht nahe, dass The Times They Are A-Changin’ wohl in einer irischen Hafenkneipe komponiert wurde.

Auch Ke$ha und Miley Cyrus sind dabei

Freilich gelingt, trotz des guten Willens und des guten Zwecks, nicht alles. Die Dave Matthews Band veranstaltet ein All Along The Watchtower-Massaker. Die Silversun Pickups nehmen Not Dark Yet jegliche Dynamik. Bad Religion knüppeln It’s All Over Now, Baby Blue nieder. Ke$ha übernimmt sich deutlich mit einer Beinahe-acappella-Version von Don’t Think Twice, It’s All Right - im Dreikampf der Pop-Püppchen landet sie damit abgeschlagen hinter Natasha Bedingfield, die Ring Them Bells immerhin passabel meistert, und Miley Cyrus, deren Name wohl nicht mehr allzu oft in einem Atemzug mit Bob Dylan genannt werden dürfte, die You’re Gonna Make Me Lonesome When You Go aber sehr achtbar interpretiert.

Dem stehen freilich viele Höhepunkte gegenüber. Blind Willie McTell klingt in der Version der Nightwatchman so düster, kaputt und morbid, dass er sicher ein guter Freund von Nick Cave werden könnte. Diana Krall macht Simple Twist Of Fate noch ein Stück verlorener und zärtlicher, Brett Dennen versieht You Ain’t Going Nowhere mit einer famosen Lässigkeit. My Chemical Romance schaffen es, aus Desolation Row so etwas wie Stadionrock zu machen. Adele singt Make You Feel My Love zum Heulen schön, und die Arroganz der Dylan-Version von It Ain’t Me Babe ersetzen Band Of Skulls mit echter, inniger Reue - das Highlight unter diesen 80 Liedern.

Vor allem zeigt die Auswahl gerade dadurch, dass sie sich nicht auf explizit Politisches beschränkt, die Intelligenz, Bedeutung und Aktualität in Bob Dylans Stücken. Ob die Verbrechen des Krieges oder die Brutalität der Liebe - die Lieder auf Chimes Of Freedom betrachten all das mit einem klaren, unbarmherzigen, durch und durch philantropischen Blick. Man kann der Feststellung von Historiker Sean Wilentz in den Liner Notes nur zustimmen: «In diesem halben Jahrhundert hat die Kunst von Dylan die Qualen und Hoffnungen erforscht und zum Ausdruck gebracht, die das moderne menschliche Befinden ausmachen.»

Hier können Sie Chimes Of Freedom direkt bestellen - alle 80 Lieder auf 4 CDs für 19,99 Euro.

Künstler: Diverse
Album: Chimes Of Freedom. The Songs Of Bob Dylan Honouring 50 Years Of Amnesty International
Plattenfirma: Universal
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

cvd/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Twangville
  • Kommentar 1
  • 05.02.2012 17:36

Zwei Anmerkungen : Auf I'm not there sind schon reichlich Leute vertreten, die das nicht schlecht gemacht haben; das andere Album ist das Geburtstagskonzert, das empfehlenswert ist; im übrigen eine faire Betrachtung dieses Teils; nur die Schamlippen-Verkleinerung am Anfang wäre auch anderswo gut gewesen, und wer Helene Fischer dann als nächstes sieht -- nun ja.

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