Theater Flüchtlingsschicksale beim Theaterfestival Graz

Flüchtlingsschicksale beim Theaterfestival Graz (Foto)
Flüchtlingsschicksale beim Theaterfestival Graz Bild: dpa

Die zwölfjährige Nadek wartet mit ihrer Mutter wohl vergeblich auf die Ankunft des lange vermissten Vaters. Der heiß ersehnte Kleiderkauf zum Geburtstag entpuppt sich als trauriges Entgegennehmen von Almosen bei einem Wohltätigkeitsverein.

Graz (dpa) - Die zwölfjährige Nadek wartet mit ihrer Mutter wohl vergeblich auf die Ankunft des lange vermissten Vaters. Der heiß ersehnte Kleiderkauf zum Geburtstag entpuppt sich als trauriges Entgegennehmen von Almosen bei einem Wohltätigkeitsverein.

Der kleine Emanuel hat den mörderischen Fußmarsch durch die Wüste in einer Kinder-Kolonne überlebt. Ali Halil steckt in der israelischen Gefängnisbürokratie fest. Sein «Verbrechen»: illegaler Grenzübertritt.

Drei Flüchtlingsschicksale hat das Habima-Theater aus Tel Aviv auf dem Theaterfestival «Emergency Entrance» in Graz zu einem eindrucksvollen Abend gebündelt. Am Samstag ging das Treffen zu Ende. Auf einer von Gittern - Grenzbarrieren, Lagerzäunen - eingeengten Spielfläche wirft die Aufführung in atemberaubendem Tempo Schlaglichter auf die missliche Lage dreier sudanesischer Kriegsflüchtlinge in Israel. Eingeschoben sind Monologe von Israelis, die über die «Überfremdung» ihres Landes wettern.

Am Ende von «Das Gelobte Land» treten die jungen Schauspieler vor und erzählen ihre eigene Geschichte: Ihre Großeltern waren vor dem Holocaust, vor dem sowjetischen Gulag nach Israel geflohen. «Wir sind selbst alle Flüchtlinge», brachte es Regisseur Shay Pitovsky im anschließenden Publikumsgespräch auf den Punkt. Die Produktion der jungen Truppe des Habima-Theaters war einer der Höhepunkte des Festivals.

Die Nationaltheater aus Tel Aviv, Prag und Athen sowie Bühnen aus Palermo, Cluj (Rumänien) und Graz zeigten Dokumentar-Theater zum Thema Flüchtlinge und Migration. Den Impuls dazu hatte die Grazer Intendantin Anna Badora gegeben. Die Bühnen fanden sich im Rahmen der Europäischen Theaterunion zusammen. Die EU unterstützte die erste internationale Koproduktion dieser Art.

Den Anstoß gab die dramatische Situation der Flüchtlinge, die in überfüllten Schiffen übers Mittelmeer kommen und dabei nicht selten ertrinken. Man einigte sich auf einen dokumentarischen Zugang. Material sollte selbst recherchiert und zu Aufführungen verarbeitet werden. Gemeinsame Workshops begleiteten das Projekt. Denn für Theaterleute aus den Stadttheater-Betrieben war es eine durchaus ungewöhnliche Methodik.

Den Ergebnissen gemeinsam war, dass auf Realismus weitgehend verzichtet wurde. «Empathie lässt sich nicht einfach durch Mitleid erzeugen», formulierte es Regina Guhl, Chefdramaturgin in Graz und Betreuerin des Projekts. Ausgehend davon fanden die Ensembles zu sehr unterschiedlichen Bühnensprachen, wobei sich Groteske und burleske Überzeichnung als beliebte Stilelemente erwiesen.

In «Wer hat Angst vor einem Dienstmädchen?» (Garibaldi-Theater Palermo/Regie: Giuseppe Massa) verkleiden sich zwei Männer aus Rumänien als Frauen, um für eine gelähmte junge Italienerin als Pflegekräfte zu arbeiten. Sexuelle Zweideutigkeiten und Fantasien, Assimilierungswünsche und -ängste sowie poetische Reflexionen loten die verborgenen Seiten der nahezu sklavenhalterischen Beschäftigungsverhältnisse aus, in denen sich Einwanderer oft wiederfinden.

«Mein Nachbar, mein Feind» (Nationaltheater Prag/Regie: Viktorie Cermakova) reflektiert den Umgang der Politik in Tschechien - und damit auch in anderen Ländern Mittel- und Osteuropas - mit den Roma. Ausgehend von der Persiflierung einer vor leerer Rhetorik strotzenden Regierungskonferenz zum Thema «Roma-Integration» entfaltet sich ein grotesker Bilderbogen, der wilde Roma-Rapper und Neonazis mit Hass-Texten aus einschlägigen Internet-Foren einschließt.

Das Ensemble von «Boat People» (Schauspielhaus Graz) reiste auf die italienische Insel Lampedusa, die ein Brennpunkt des Flüchtlingsdramas im Mittelmeer ist, um sich selbst ein Bild zu machen. «Unsere vorgefertigten Erwartungen wurden enttäuscht», sagte Regisseurin Christine Eder. «Es gab keine brutale Polizei, es gab keine rassistische, sondern eine solidarische Bevölkerung.»

Die Aufführung beginnt mit Bootsflüchtlingen, denen die gängigen Vorurteile über Asylanten in den Mund gelegt werden. Sie endet mit dem Abspielen des Filmmaterials, das bei der Reise nach Lampedusa entstand - ein Abschluss, der sowohl Distanz als auch Empathie herstellt.

Homepage des Theaters

news.de/dpa

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