Durchgehört Die Romantik vollgekotzter Haare

Von den news.de-Mitarbeitern Sven Wiebeck, Ulrike Bertus und -Volontär Ronny Janke
Mit Zwischen den Runden präsentieren sich Kettcar intelligent und poetisch. Die australische Band Boy & Bear liefern ein fulminantes Indie-Folk-Rock-Debüt ab und der DSDS-Liebling Sebastian Wurth präsentiert sich viel zu glatt.

Eines gleich kurz vorweg: Wer von Kettcar nach zehn Jahren mal wieder eine Platte à la Du und wieviel von Deinen Freunden erwartet, sollte sich Zwischen den Runden trotzdem anhören. Unbedingt.

Denn das vierte Album der Hamburger Band stellt die konsequente Weiterentwicklung des Vorgängers Sylt aus dem Jahr 2008 dar. Die zwölf neuen Lieder sind subtiler als die ganz frühen Kracher, musikalisch sowie textlich, dabei im Gros eine Spur optimistischer als die Sylter Weltbetrachtung - und dennoch klassische Kettcar-Songs.

Wie gewohnt malt Sänger Marcus Wiebusch mit wenigen Worten und kurzen Satzfragmenten wundervolle, vielschichtige Gedankengemälde, wobei diesmal gleich fünf Texte aus der Feder von Bassist Reimer Bustorff stammen. Es geht ums Scheitern und Sterben, Vergänglichkeit und Entfremdung. Aber eben auch ums Weitermachen - und natürlich um die Liebe. Noch nie wurde innige Zuneigung derart romantisch durch die vollgekotzten Haare ausgedrückt wie im Opener Rettung

Eines muss wohl klar sein: Eine zweite Du und wieviel von Deinen Freunden werden Kettcar nicht mehr vorlegen. Macht aber nichts, solange die Hamburger derart intelligent poetische Alternativen wie Zwischen den Runden anbieten.

Interpret: Kettcar
Titel: Zwischen den Runden
Plattenlabel: Grand Hotel van Cleef
Veröffentlichunsdatum: 10. Februar 2012

Eigentlich sollte an dieser Stelle geschimpft werden. Sehr sogar - über all die Singer und Songwriter mit Vollbart, die im Holzfällerhemd und mit Gitarre vor sich ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Kennt man ja alles schon und irgendwann klingt eh alles gleich.

Boy & Bear aber haben es geschafft, all diese Vorurteile wegzusingen - obwohl all die genannten Klischees auch auf die australische Band zutreffen. Moonfire heißt das Debütalbum der fünf jungen Männer. Und die Musik darauf macht so viel Spaß, dass es schwer fällt, auch nur ein böses Wort über dieses vorzügliche Erstlingswerk zu verlieren. Was man kennt: Schlagzeug, Gitarre und Bass. Was Boy & Bear außerdem noch mitbringen: Mandoline, Banjo, Orgel und einen ganzen Chor. Geklatscht und mitgepfiffen wird auch. Versuchen Sie mal, dabei die Füße still zu halten! Es wird nicht klappen.

Moonfire macht 43 Minuten lang ordentlich Laune. Schnelle Indie-Rock-Songs (Feeding Line, Golden Jubilee) wechseln sich mit stillem Country-Folk-Titeln (My Only One, Beach, Big Man) ab und erinnern dabei an die Musik der Fleet Foxes, Band Of Horses oder Simon & Garfunkel. Das hier ist eines der wenigen Alben, das jeden durch den Frühling begleiten sollte. Besser wird nur der Sommer.

Interpret: Boy & Bear
Titel: Moonfire
Plattenlabel: Cooperative Music (Universal)
Veröffentlichunsdatum: 10. Februar 2012

Sebastian Wurth war schon bei Deutschland sucht den Superstar der Nette. Der als Küken der Sendung ab 22 Uhr bei seiner Mutter im Publikum sitzen musste. Und nun hat er sein erstes Album herausgebracht. Strong heißt das und es ist genau das, was man von einem erwartet hat, der bei DSDS teilnahm, um die Charts zu erstürmen, dann aber im Bohlen-Nebel verschwand.

Wer weiß schon, was aus Wurth geworden wäre, hätte er sich nicht zum Casting getraut, wäre er dort nicht mit einer Interpretation eines Milow-Liedes weiter gekommen, hätte er nicht die Mädchenherzen während seiner Auftritte höher schlagen lassen. Vielleicht wäre der wirklich nette Kerl zu einer anderen der vielen Castingshows gegangen. Und vielleicht wäre dann alles gut geworden.

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Denn der 17-Jährige kann singen. Neben Rumgeschmuse kann er auch ab und zu rau und beinahe erwachsen. Das darf er nur leider viel zu selten zeigen. Strong hat keine Ecken, keine Kanten. Vielleicht, weil die Produzenten fürchten, die viel zu jungen Mädchen könnten sich daran verletzten. Aber wer weiß das schon. Am Ende klingt Wurths Debüt einfach nur glatt. Zu glatt.

Interpret: Sebastian Wurth
Album: Strong
Plattenfirma: Universal
Erscheinungsdatum: 10. Februar 2012

roj/news.de

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