Oliver Koletzki Eine fabelhafte Fortsetzung

Von news.de-Mitarbeiter Sven Wiebeck
Er ist der Märchenerzähler der Elektromusik. Nun legt Oliver Koletzki Teil zwei seiner Großstadtmärchen vor. Gemeinsam mit acht Gastsängern ist dem DJ eine Fortsetzung gelungen, die zwischen Popmusik und House pendelt. Das klingt extrem gut.

Ja, doch. Eigentlich sei er ein Bandmensch, sagt Oliver Koletzki im Gespräch mit news.de. «In meiner Jugend habe ich immer in Bands gespielt. In einer Rockband, einer The-Doors-Coverband und dann bin ich auf diversen Umwegen zum Auflegen und zur elektronischen Musik gekommen.»

Was den erfolgreichen House- und Techno-DJ und -Produzenten aber nicht daran hindert, wieder Bandmusik zu machen. Wie auf seinem neuen Album Großstadtmärchen 2 zu hören ist, der Fortsetzung des 2009-er Elektropop-Longplayers Großstadtmärchen. Zwischenzeitlich folgten das Werk Lovestoned, das er gemeinsam mit seiner heutigen Ehefrau Fran aufnahm, sowie zahlreiche Auftritte mit seiner Band The Koletzkis, mit der der Namensgeber die Lieder von seinen Platten live auf die Bühne bringt.

«Vor ein paar Jahren hat es mich gepackt und ich hatte wieder richtig Bock, mit mehreren Leuten unterwegs zu sein», sagt Koletzki. «Ich war etwas müde von immer nur Minimal und monotoner Technomusik und hatte Lust, wieder mehr Melodie reinzubringen.»

Und eben diese Lust spürt der Hörer bei den zwölf Liedern des neuen Albums. Großstadtmärchen 2 würde auch wunderbar als reines Instrumentalwerk funktionieren. Davon zeugen nicht nur die vier Instrumentaltracks Preamble, Boy Got Soul, 1994 und I Miss My Friends, die mit gleichermaßen mächtigen wie geschmeidigen Grooves, straighten Beats, schwergewichtigen Bässen und allerlei Klangspielereien der klassischen House-Musik noch am nächsten kommen. Kombiniert mit jeder Menge Funk und Disco sowie ein bisschen Jazz. Hier und da hört man sogar die Finger über den Viersaiter gleiten. Und 1994, eine Reminiszenz an Daft Punk, gehört künftig in jedes gute DJ-Set.

Musikalische Bewusstseinsveränderung

Dann sind da noch acht weitere abwechslungsreiche Beispiele für die hervorragenden musikalischen Qualitäten des ausgebildeten Pianisten. Ein jedes mit einem anderen Gastsänger und stilistisch wertvolle Exempel für intelligente elektronische Popmusik.

Unter anderem erklingen drei Stimmen, die bereits auf der ersten Märchensammlung zu hören waren. Beim luftigen Still harmoniert Koletzkis Klavier einmal mehr mit Frans akzentuiertem Gesang. Juli Holz' leider etwas arg gewollten Reime schweben über dem relaxten Beat von Reisezeit. Und Axel Bosse liefert mit den drei simplen Wörtern «Nachtzug, Amsterdam, Fenster» nicht nur die kürzeste doch zugleich phantasiereichste Textzeile des Longplayers, sondern mit Karambolage auch den potentiellen Nachfolgehit zu U-Bahn.

Eine echte Entdeckung ist Björn Störig, der sonst bei The Koletzkis trommelt und im vergangenen Jahr bei Oliver Koletzkis eigenem Plattenlabel Stil vor Talent sein Debütalbum Humming Top veröffentlicht hat. Auf Großstadtmärchen 2 verleiht seine dunkle Stimme dem stampfenden Join That Spin eine wohlige Wärme. Die Britin Dear Prudence mag's gesanglich hingegen etwas rotziger, die perfekte Ergänzung zu den pluckernden Synthies bei You See Red.

Der Berliner Jan Blomqvist und Jake The Rapper komplettieren die illustre Riege der Gastsänger. Letzterer beschreibt 50 Ways To Love Your Liver, eine Hommage an die Leber auf Grundlage des Hip-Hop-Klassikers Regulate von Warren G featuring Nate Dogg. Ganz anders widmet sich The Power Of Rausch dem Thema Bewusstseinsveränderung: Ein pumpender, immer stärker vorantreibender Minimal-Track, überlagert von der etwas aggressiven Stimme des ehemaligen Muff-Potter-Frontmannes Nagel, der eine Passage aus seinem Roman Was kostet die Welt liest. Ist gewöhnungsbedürftig, aber durchaus wert, sich darauf einzulassen.

Großstadtmärchen 2 bietet also definitiv weiteres musikalisches Futter für The Koletzkis. «Unsere Lieder sind ja oft sehr elektronisch, aber wir stellen sie mit echten Instrumenten dar», sagt das Mastermind und ergänzt: «Bei uns gibt es kein Playback. Wir haben einen Bassisten, einen Gitarristen, einen Schlagzeuger, ich spiele Keyboard, die Fran singt und es wird alles im Moment live auf der Bühne erzeugt.»

Und so setzt Oliver Koletzki gemeinsam mit seinen musikalischen Gästen und Freunden die literarische Regel außer Kraft, dass Märchen keine Fortsetzung finden. Fabelhaft.

Interpret: Oliver Koletzki
Titel: Großstadtmärchen 2
Label: Stil vor Talent/Universal Music
Veröffentlichungsdatum: 9. März 2012

sua/news.de

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