Musik Reife Leistung von Dirk Darmstaedter

Reife Leistung von Dirk Darmstaedter (Foto)
Reife Leistung von Dirk Darmstaedter Bild: dpa

Man kann Dirk Darmstaedter nicht nachsagen, dass er dem Erfolg krampfhaft hinterherrennt. Die 25-jährige Karriere des Hamburger Pop-Sängers und Gitarristen verlief eher im Zickzack - aber immerhin wählte er meist freiwillig den komplizierteren Weg.

Berlin (dpa) - Man kann Dirk Darmstaedter nicht nachsagen, dass er dem Erfolg krampfhaft hinterherrennt. Die 25-jährige Karriere des Hamburger Pop-Sängers und Gitarristen verlief eher im Zickzack - aber immerhin wählte er meist freiwillig den komplizierteren Weg.

Das aktuelle Album mit dem runderneuerten Bandprojekt Me And Cassity stellt nach langen Jahren im Halbschatten wieder einmal Darmstaedters Star-Qualitäten ins Schaufenster.

«Appearances» ist eine toll produzierte, zeitlos-schöne Platte mit internationalem Anspruch geworden. Künstlerisch sind die zehn Songs zwischen flauschigem Folkrock, schwelgerischen Balladen und angejazztem Sixties-Pop über jeden Zweifel erhaben - das kennt man von Darmstaedters Alben schon lange. Aber auch kommerziell könnte «Appearances» sein Nischendasein beenden. Denn Lieder wie «Fred Astaire», «Stupid World» oder «Dominoes» sind toller Radio-Stoff und haben Hitqualitäten.

Dirk Darmstaedter und Hits - da war doch mal was? Mit The Jeremy Days landete der smarte Songwriter 1988 einen Überraschungserfolg. Singles wie «Are You Inventive» und vor allem «Brand New Toy» enterten die Charts. Das Debütalbum soll gut 150 000 Mal über die Ladentheken gegangen sein - für eine junge deutsche Band auch damals, als Langspielplatten noch massenhaft verkauft wurden, eine sensationelle Ausbeute.

Bis ins Pop-Mutterland Großbritannien drang der gute Ruf von The Jeremy Days, ehe Mitte der 90er recht unspektakulär das Band-Ende kam. Darmstaedter wird auch heute noch auf die rasante Zeit mit «Formel eins»-Auftritten und verliebten weiblichen Fans angesprochen, aber er empfindet den frühen Hype inzwischen nicht mehr als Bürde. «Das ist ein wichtiger Teil dessen, wo ich herkomme und was ich gemacht habe», sagt der 46-Jährige freundlich-entspannt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Darmstaedter ließ die große Pop-Karriere fortan sausen, spielte vor kleinem Publikum «eine immer größer werdende Tüte voller Songs» und gründete die Plattenfirma Tapete. Das Indie-Label wird dieses Jahr zehn Jahre alt - ein verdienstvolles Projekt, mit dem er talentierten Musikern und Bands aus aller Welt, aber auch deutschen Künstlern wie Tele, Niels Frevert oder Fehlfarben eine Basis verschaffte. «Mir hat Popmusik immer das Leben gerettet», sagt Darmstaedter, der die Beatles und die Beach Boys, aber auch weniger berühmte Genies wie Nick Drake oder Prefab Sprout verehrt. Mit Tapete konnte er etwas zurückgeben.

Nun also «Appearances», ein Album auf der Höhe seiner Kunst als Songautor, Musiker und Produzent. Da ist zunächst einmal diese leicht brüchige und doch jederzeit souveräne Singstimme, die Euphorie ebenso überzeugend transportiert wie verletzte Gefühle. Die Arrangements sind - im Gegensatz zu manch spartanischer Folk-Platte früherer Jahre - üppig ausgefallen. «Diese Songs verlangten mehr als zwei Akustikgitarren und ein Tamburin», erklärt Darmstaedter, warum es diesmal eine opulente Band-Platte sein musste.

Die Streicherparts von Anne de Wolff, Vibrafon und Trompete von Martin Wenk (Calexico), Ulrich Rodes Steel-Gitarre und Nikko Weidemanns jazziges Klavier - viele kleine Details lassen die Lieder funkeln und strahlen. Der majestätische Titelsong bietet über schlanke dreieinhalb Minuten großes Pop-Kino. Und die in ein Noise-Crescendo mündende düstere Ballade «Lovers Of Solitude» hätte wohl auch der von Darmstaedter so bewunderte Label-Kollege Lloyd Cole nicht besser hinbekommen.

«Es ging mir immer darum, die coolste, beste Platte zu machen, die ich gerade machen konnte», sagt Dirk Darmstaedter über seine zahlreichen, teilweise nur im Eigenvertrieb erschienenen Alben - vom Debüt «The Jeremy Days» bis heute. Mit «Appearances» wird er diesem Anspruch gerecht - es ist das selbstbewusste Statement eines Pop-Grandseigneurs, von denen es hierzulande nicht allzu viele gibt.

Konzerte von Dirk Darmstaedter solo oder mit Me And Cassity: 11.2. Wolfsburg, 18.2. Aachen, 22.2. Frankfurt/Main, 23.2. Köln, 24.2. Hamburg, 25.2. Sylt, 26.2. Berlin, 27.2. Hannover, 29.2. Kiel, 2.3. Bonn, 3.3. Darmstadt, 4.3. Saarbrücken, 17.3. Stade.

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news.de/dpa

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