So., 27.05.12

Theater 08.01.2012 Breth inszeniert Babels Revolutionsdrama «Marija»

Große Regisseure wie Peter Palitzsch und Jürgen Flimm haben die Revolutionstragödie «Marija» des russischen Schriftstellers Isaak Babel vor Jahrzehnten inszeniert. Selten wird das Drama um die Familie des zaristischen Generals Mukownin, die durch die Oktoberrevolution in den Abgrund geführt wird, in Deutschland gespielt.

Düsseldorf (dpa) - Große Regisseure wie Peter Palitzsch und Jürgen Flimm haben die Revolutionstragödie «Marija» des russischen Schriftstellers Isaak Babel vor Jahrzehnten inszeniert. Selten wird das Drama um die Familie des zaristischen Generals Mukownin, die durch die Oktoberrevolution in den Abgrund geführt wird, in Deutschland gespielt.

Nun hat die preisgekrönte Theater- und Opernregisseurin Andrea Breth das Werk auf die Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses gebracht. Mit minutenlangem Applaus feierte das Premierenpublikum am Samstagabend die Inszenierung. Bravo-Rufe blieben aus - zu schockierend ist das Stück in seiner rohen Brutalität.

Spannend wie ein Film ist das aus kurzen Sequenzen bestehende Stück Babels über Petrograd 1920. Kriegsgewinnler und Erniedrigte werden zu neuen Herren, während die Adelsfamilie Mukownin ihrem Tod entgegengeht. All ihre Hoffnung liegt auf der Tochter Marija, die sich den Revolutionären an der Front angeschlossen hat. Auf der Bühne taucht Marija nicht auf - aber sie ist allgegenwärtig in den Gesprächen, wird zur Freiheitskämpferin, aber auch zur erotischen Fantasie stilisiert.

Zu Beginn der 30er Jahre schrieb der in Odessa geborene jüdische Schriftsteller Babel, der bekanntgeworden war durch seinen Zyklus über die Reiterarmee des Generals Budjonny, das Drama über die revolutionären Exzesse. 1935 wurde das Werk in der Zeit des großen Stalin-Terrors veröffentlicht, obwohl es nicht der Linie entsprach. Aufgeführt werden durfte es nicht. 1939 wurde Babel verhaftet und 1940 erschossen.

Babel mag versucht haben, sich den Regeln des sozialistischen Realismus anzupassen, doch wird in «Marija» deutlich, dass es ihm um die Menschen ging, nicht um das System. Der Kampf um eine angeblich bessere Welt ist ein Phantom wie Marija, der brutale Überlebenskampf bestimmt das Dasein der Menschen. Breth holt werktreu aus jeder der 22 Personen auf der Bühne einen spezifischen Charakterzug von Zynismus und Rohheit über Resignation bis zum Wahnsinn hervor.

Breth inszeniert das Stück ohne jeglichen Bezug zur Gegenwart, sondern belässt es mit detailgetreuer Ausstattung von den Filzstiefeln bis zum Samowar im Jahr 1920. Auf der Bühne von Rainer Voigt ist die große Wohnung der Mukownins auf einen einzigen Raum zusammengeschrumpft, in dem die Familie samt altem Kindermädchen, Flügel und Ofen lebt. Kriegskrüppel in dreckigen Lumpen und Schieber kommen diesem letzten Refugium immer näher, Mukownins Tochter Ljudmila wird vergewaltigt und gerät in die Fänge der Geheimpolizei.

«Was ich wusste, habe ich vergessen. Ich lerne jetzt um», sagt die Hausmeisterin Agascha, als die Mukownins ihre Wohnung nahe dem Winterpalais für ein Arbeiterehepaar räumen müssen. Das Gesetz der Revolution liegt in diesen Worten.

Als Stück über unsere eigene Zukunft in Zeiten der Krise will Breth «Marija» nicht verstehen. Sie will zum Nachdenken anregen, wie Menschen sich in existenziellen Krisen verändern, wie Hunger und Angst sie zur Bestie machen. Im Interview der «Zeit» sagte Breth: «Ich habe so ein merkwürdiges Gefühl bezüglich der Zeit, in der wir leben. Ich glaube, es wird nicht mehr lange so gut gehen.»

news.de/dpa
Kommentar schreiben Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Kommentar  
Ihr Name
Ihre Emailadresse
Bitte übertragen Sie die Zeichen in das Feld darunter.
'6Ld52csSAAAAAKTxfdwmi0Ay4Tjghi64k3PAcWrj'

Theater: Breth inszeniert Babels Revolutionsdrama «Marija» » Medien » Nachrichten

URL : http://www.news.de/medien/855260113/breth-inszeniert-babels-revolutionsdrama-marija/1/

Schlagworte:

Wir empfehlen
Anzeige
Facebook
Twitterbox
Follow Us!
Anzeige