Literatur Bücherfrühling 2012: Lust auf Wirklichkeit

Wie realistisch darf Literatur sein? Eigentlich, so eine Autorenregel, sollte eine Geschichte «bigger than life» - größer als das Leben sein, damit sie den Leser interessiere. Das Gegenteil ist in vielen neuen Büchern des Frühjahrs der Fall.

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Bücherfrühling 2012: Lust auf Wirklichkeit Bild: dpa

Berlin (dpa) - Wie realistisch darf Literatur sein? Eigentlich, so eine Autorenregel, sollte eine Geschichte «bigger than life» - größer als das Leben sein, damit sie den Leser interessiere. Das Gegenteil ist in vielen neuen Büchern des Frühjahrs der Fall.

Mitten aus dem Leben, mitten aus dem Alltag stammen die Themen; die Gegenwart scheint inspirierend genug. Die Tendenz dieses Jahres, Familiengeschichten als Gesellschaftsroman zu verpacken, setzt sich indessen auch im nächsten Jahr fort. Gleichzeitig wird Kritik an allzu gefälliger «Wellnessliteratur» laut. Auf den literarischen Frühling 2012 darf man gespannt sein.

Neues wird es vom diesjährigen Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius geben. In «Als die Bücher noch geholfen haben» zeichnet er unter anderem Porträts von Weggefährten und Autoren wie Wolf Biermann, Heiner Müller, Günter Kunert oder Herta Müller und schreibt über das Glück der Literatur. Bereits Mitte Januar veröffentlicht Buchpreisträger Eugen Ruge die überarbeitete Autobiografie seines Vaters Wolfgang Ruge. Martin Walser spürt in einem neuen Werk den entscheidenden Fragen des Lebens nach und Benjamin Lebert schreibt mit «Im Winter dein Herz» einen Roman über drei Reisende, die der Zufall zusammenführt. Frank Goosen («Radio Heimat») berichtet in «Sommerfest» über ein Heimatwochenende voller skurriler Figuren und die Sperrung der A 40 im Ruhrgebiet.

Auch das Warten auf einen neuen Krimi von Andrea Maria Schenkel hat im Frühjahr ein Ende. Nach «Tannöd», «Kalteis» und «Bunker» erscheint ihr neues Buch «Finsterau» im März nun nicht mehr bei Nautilus, sondern bei Hoffmann & Campe. Die Geschichte spielt 1944 in einem kleinen Dorf im bayerischen Wald. Die junge Frau Afra, die in ihr Elternhaus zurückkehrt, nachdem sie zuvor woanders ihr Glück suchte, wird ermordet aufgefunden.

Bei ausländischen Autoren geht es ebenfalls viel um Politik und Gegenwart. So setzt Roberto Saviano seinen Kampf gegen die Mafia fort («Der Kampf geht weiter») und Paul Auster schreibt in «Sunset Park» über eine Gruppe von Menschen, die in der Wirtschaftskrise 2008 zusammenkommen. Der US-Autor zeichnet darin «ein bewegendes Bild des heutigen Amerika», so die Verlagsankündigung.

Christian Kracht begibt sich mit «Imperium» hingegen auf eine historische Zeitreise in die Südsee. Weitere Highlights sind Péter Nádas («Parallelgeschichten») und Javier Marías mit «Die sterblich Verliebten». Auch Fans von Walter Kappacher, TC Boyle, Paulo Coelho, Donna Leon, Jussi Adler-Olsen oder Sten Nadolny dürfen sich auf literarischen Nachschub freuen.

Immer wieder finden sich auch Ehe- und Beziehungsgeschichten, es geht um Heimat und Alltägliches. «Gerade wenn man sich aufregen muss über das Reale, will man das nicht unbedingt auch noch lesen», kritisiert Autorin Sibylle Lewitscharoff in einem Interview mit «Buchreport». So viel «Realitätseifer» sei ihr suspekt.

«Der Alltag spielt eine große Rolle derzeit», sagt Literaturwissenschaftler Andreas Erb von der Uni Duisburg/Essen. Je komplexer sich eine Gesellschaft darstelle, desto größer sei die Sehnsucht nach Geschichten, die man begreifen kann. «Was verstehen wir denn wirklich von den Dingen, die uns derzeit umgeben?»

Stuttgart 21, Schuldenkrise, die Occupy-Bewegung und Castor-Proteste haben das Interesse der Jugend an der Politik geschärft. «Es gibt eine Tendenz zur Schilderung des Moments», sagt Suhrkamp-Sprecherin Tanja Postpischil. Da sei viel «Jetziges» dabei. Gleichzeitig habe Mündlichkeit als erkennbare Form Einzug gehalten in die Schriftlichkeit - man schreibt mehr so wie man spricht. Ein Beispiel dafür ist sicherlich Charlotte Roche («Schoßgebete»). Man hört sie förmlich, wenn man sie liest.

Mehr Authentisches, weniger Konstruiertes also? Doch ganz so leicht ist die Literatur nicht einzufangen. «Das ist kein Widerspruch», meint Erb. «Romane sind immer konstruiert.» Gegen den Generalverdacht einer Verflachung der Literatur standen in diesem Jahr gleich eine ganze Reihe hervorragender Bücher, darunter Sibylle Lewitscharoffs «Blumenberg», Jan Brandts «Gegen die Welt» und Judith Schalanskys hochgelobter Roman «Der Hals der Giraffe».

Noch ein schneller Blick in die Sachbuchprogramme: Themen wie Ernährung, Emanzipation, Euro-Krise treiben die Autoren um. Die Titel verkaufen sich am besten, wenn sie aus prominenter Feder stammen. Knochentrocken dürfen die Themen nicht daherkommen, sagt ein Lektor. Mehr Realität in der Belletristik - mehr Unterhaltung im Sachbuch also. So wird Jörg Kachelmann seine im Gefängnis niedergeschriebenen Erlebnisse Anfang des Jahres in seinem Buch «Mannheim» veröffentlichen und Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) ist in ihrem Buch der Ansicht: «Danke, emanzipiert sind wir selber».

Das Literaturjahr 2011 wird unter dem Eindruck der Trauer um eine der ganz großen deutschen Schriftstellerinnen ausklingen. Bücher von Christa Wolf («Der geteilte Himmel», «Kein Ort. Nirgends», «Stadt der Engel») werden auf vielen Gabentischen liegen.

news.de/dpa

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