Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Die Kreuzfahrt wird zur Reise in die Vergangenheit: Das Erste zeigt mit Die lange Welle hinterm Kiel eine Geschichte über Schuld, späte Sühne und Vergebung und lässt auf einem Luxusdampfer zwei Todfeinde aufeinander prallen.
«Du kannst es nicht verstehen und wenn du hundert Mal Geschichte studierst», sagt die Millionärin Margarete Kämmerer (Christiane Hörbiger) zu ihrem Großneffen Sigi (Christoph Letkowski). Beide sind auf Kreuzfahrt und werden dabei in eine dramatische Vergangenheit eintauchen. Auch Professor Martin Burian (Mario Adorf) und seine Schwiegertochter Sylva (Veronica Ferres) sind an Bord. Was zunächst wie die Starbesetzung und Kulisse für eine Schmonzette erscheint, wird schnell zu einer Geschichte über alte Schuld, Sühne und Vergebung.
Die lange Welle hinterm Kiel ist ein Film nach der gleichnamigen Romanvorlage des österrechisch-tschechischen Autors Pavel Kohout. Die verbitterte alte Millionärin Margarete erkennt beim Dinner am Nebentisch einen Mann, den sie vor 50 Jahren zum letzten Mal gesehen hat. Nach dem Krieg in ihrer tschechischen Heimat Mären. Sie ist Sudetendeutsche, er Tscheche, sie haben eine gemeinsame Vergangenheit. Denn Margarete erkennt in Martin den Mann, der ihren erschießen ließ. Und sinnt auf Rache.
Auf hoher See kann keiner entkommen
Aus der Sicht Martin Burians, der nach dem Krieg ein angesehener Arzt und Universitätsprofessor wurde, hört sich die schmerzliche Geschichte jedoch anders an. Denn er handelte als tschechischer Regierungsbevollmächtigter und ließ Nazis hinrichten, die im Krieg Willkür haben walten lassen. Margarete selbst liebte einen SA-Mann und himmelte Hitler an. Burian handelte nach dem Gesetz, «das in einer gesetzlosen Zeit als vollkommen gerecht galt».
Die lange Welle hinterm Kiel setzt sich differenziert mit beiden Seiten des deutsch-tschechischen Verhältnisses auseinander, auf der Suche nach einer späten Wahrheit. Dabei ist der Schiffsweg das Ziel und das Traumschiff der Schauplatz, dem auf hoher See keiner entkommen kann. Jeder der Akteure muss sich mit seinem Schicksal auseinandersetzen. «Die Heckwelle ist ein starkes Bild für den Sog unserer vergangenen Erlebnisse», sagt Drehbuchautor Klaus Richter. «Täter sind selten nur Täter, und Opfer selten nur Opfer.»
Aus der Romanvorlage wurde ein dialoglastiges Kammerspiel zwischen Schiffsheck und Kabine. Unterbrochen nur durch kurze Szenen von früher, in denen sich Margarete und Martin kennenlernen, ihr Mann erschossen und dann weggekarrt wird. In die geschichtsbewusste Schwere dringen kurze Auftritte spaßsuchender Gäste an Bord und die beiden Stewards. Sie kennen Margarete Kämmerer als «Schrecken der Meere» und wollen eine heftige Konversation zwischen ihr und Burian von Weitem sofort als Eifersüchtelei erkannt haben.
Die Heckwelle des Schiffs im Blick
Nicht nur die Alten kommen mit viel seelischem Gepäck an Bord. Sylva Burian wurde von ihrem Mann, Martins Sohn, verlassen und starrt in Todessehnsucht immer wieder in die Heckwelle des Schiffs. Erst die Begegnung mit Sigi, der durch den Tod eines Freundes Schuldgefühle mit sich herumschleppt, verliert sie langsam den deprimierten Gesichtsausdruck.
Sigi ist der zusätzliche Gegenspieler und gleichzeitiger Verbündeter seiner Tante. Als er ihre Geschichte erfährt und damit von ihrer Nazivergangenheit, verbittet sie sich jegliche Verurteilung. «Wir glaubten, der Krieg war gerecht», sagt die Alte. «Weil ich damals nicht wusste, was ich heute weiß.»
Die lange Welle hinterm Kiel gibt keine Antwort darauf, wer politisch und moralisch Recht hat. Der Film ist kein Rührstück, sondern ein brillant gespieltes Drama, dass sich mit einer Geschichte auseinandersetzt, über die viele zu wenig wissen. Ob am Ende alles wieder gut wird? Sigi sagt zumindest: «Das Meer und die Wellen bringen einen wieder ins Lot.»
Lesen Sie hier unser Interview mit Mario Adorf über den Film. Und hier können Sie den Film anschauen.
Titel: Die lange Welle hinterm Kiel
Regie: Nikolaus Leytner
Darsteller: Mario Adorf, Veronica Ferres, Christiane Hörbiger und Christoph Letkowski
Sendetermin: Mittwoch, 4. Januar 2012, 20.15 Uhr, Das Erste
car/news.de
Ein Flachmann-TV-Film Darf man als Regisseur in der Verfilmung eines Romans nicht ein wenig mehr Tiefe und Gegenwartsbezogenheit hineinlegen? Angesichts der Neonaziszenerie im heutigen Deutschland? Die Schuld am Kriegsgeschehen auch hier nicht nur auf einzelne Personen reduzieren? Nein, da stelzen zwei Alte über das Deck des Schiffes und giften sich wegen damaliger Geschehnisse an. Schuldzuweisungen, die sie sich letztendlich selbst zufügen müssen. So etwas konstruiertes!! Zuerst hoffte ich auf Gedankentiefe, setzte
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