Von den news.de-Redakteuren Sven Wiebeck, Michael Heinrich und Katharina Bott
Die Ängste einer ganzen Generation, die Biografie eines verstorbenen Technik-Gurus und eine historische Verschwörungstheorie. Aus literarischer Sicht war das abgelaufene Jahr überaus abwechslungsreich. News.de weiß, welche zehn Bücher man 2011 unbedingt gelesen haben sollte.
Umberto Eco: Der Friedhof in Prag
Umberto Eco bedient in seinem Roman Der Friedhof in Prag bekannte Verschwörungstheorien, die sich längst ins kollektive Bewusstsein eingegraben haben. Es scheint daher, als mache er nur die geheimen Kräfte sichtbar, die den Gang der Welt lenken.
Als Stoff hat er nichts Geringeres gewählt als die Protokolle der Weisen von Zion, die Ende des 19. Jahrhundert geschrieben wurden, um die jüdische Weltverschwörung zu belegen. Der schizophrene Ich-Erzähler Simon Simonini ist Spion, Fälscher und vor allem Judenhasser. Er nimmt den Leser mit auf einen Streifzug der italienischen und französischen Geschichte seiner Zeit: vom italienischen Risorgimento bis zur Dreyfus-Affäre.
Ecos Buch, erschienen im Hanser Verlag, ist ein spannendes und opulentes Geschichtsepos. Um die durch Detailreichtum erzeugte atmosphärische Dichte zu durchdringen, sollte man allerdings ein Lexikon griffbereit halten. Beim Nachschlagen wird man feststellen, dass alle handelnden Personen bis auf den Erzähler wirklich gelebt haben. Real ist daher die Gefahr, die Geschichte für bare Münze zu nehmen. Schließlich kommen sie aus berufenem Mund. Umberto Eco ist als ehemaliger Universitätsprofessor, noch dazu mit mittlerweile über 30 Ehrendoktorwürden honoriert, das Sinnbild einer vertrauenswürdigen Quelle.
Doch Vorsicht: Die Geschichte ist fiktiv, auch wenn für den Laien unmöglich zu erkennen ist, wo die Realität endet und die Fiktion anfängt. Wer di Lampedusas Der Leopard (verfilmt von Lucchino Visconti) gut fand, wird auch an diesem Buch seine Freude haben.
Heinz Strunk: In Afrika
Der Titel von Heinz Strunks viertem Buch klingt harmlos: In Afrika. Auf dem Umschlag finden sich dann auch possierliche Abbildungen von afrikanischen Tieren - selbst das Krokodil grinst. Trotz der äußeren Erscheinung ist das Buch jedoch alles andere als harmlos.
Dezember 2007: Heinz Strunk wird von seinem besten Freund C. überredet, über Weihnachten zu urlauben - in Afrika. Strunk lässt sich darauf ein, es wird aber schnell klar, dass er lieber zu Hause bleiben würde. Erstmals seit vielen Jahren liegt die Wahrscheinlichkeit einer weißen Weihnacht bei 85 Prozent. Wer will da weg? Und gegen Afrika als Urlaubsziel spräche eigentlich sowieso alles. In Kenia angekommen, würde Strunk, von Natur aus ängstlich, am liebsten möglichst wenig erleben. Zudem verpasst C. den Flieger und Strunks Koffer bleibt irgendwo auf der Strecke. Also muss er zunächst allein und ohne frische Kleidung die afrikanische Hotelanlage und vor allem dessen Bewohner besichtigen.
In der Beschreibung offenbart sich dem Leser das größte Talent des Hamburgers: Die Beobachtung fremder Menschen und die ironische Wiedergabe dieser Betrachtungen beherrscht Strunk wie kein anderer. Jede im Buch auftauchende Person bekommt einen Spitznamen, darauf folgt die passende Lebensgeschichte. Beziehungsweise erfindet Strunk anhand von Verhalten, Gesten oder schlicht dem Aussehen passende Lebensläufe: Ironiegetränkte Geschichten, die tief blicken lassen in sein Weltbild, in dem sich Depression und Witz verquer nah sind. Strunk studiert anhand der anwesenden Urlauber die deutsche Gesellschaft und das falsche Verhältnis der westlichen Welt zum schwarzen Kontinent - eine bissige Gesellschaftsanalyse fernab von Deutschland und seinen Klischees, dabei ungemein treffend und voll bitterem Humor.
In Afrika, erschienen bei Rowohlt, macht von der ersten Seite an Spaß. Auch wenn objektiv nicht viel geschieht, Heinz Strunks Art dieses Nichts zu beschreiben und mit Lebensgeschichten zu füllen, ist außergewöhnlich. Der bittere Humor des Hamburgers gefällt mit Sicherheit nicht jedem, doch wer über Zynismus lachen kann, wird dieses Buch lieben. Nicht zuletzt bleibt bei Strunk auch Raum für Romantik und Rührung. Zweimal fließen beim Autor Tränen und die Liebe zur Kellnerin Lucy sowie zum besten Freund C. ist ehrlicher als in jedem Kitschroman.
John Updike: Die Tränen meines Vaters
Mit Die Tränen meines Vaters nimmt der verstorbene Kultautor John Updike endgültig Abschied von seinen Lesern. In den letzten bislang noch unveröffentlichten Erzählungen sinniert er einmal mehr über ein bewegtes Leben - sowie über das Alter. Leise, wehmütig und mitunter resigniert blickt Updike zurück auf sein Leben.
Die Tränen meines Vaters ist eine 368 Seiten umfassende Sammlung von Erzählungen, die der US-Schriftsteller mit wenigen Ausnahmen in seinen letzten Lebensjahren verfasst hat - und damit der Schlusspunkt seines monumentalem literarischen Werkes. Etwa 60 Bücher, darunter mehr als 20 bedeutende Romane, Sammlungen von Kurzgeschichten, Essays und Gedichtbände, veröffentlichte der gefeierte Autor bis zu seinem Tod 2009 im Alter von 76 Jahren. Updike hat zahlreiche amerikanische Literaturpreise und -auszeichnungen erhalten und zählte viele Jahre zu den Anwärtern auf den Literaturnobelpreis. Einige seiner Werke wurden verfilmt.
Die einstige Ikone der US-Literatur hat sich in vielen seiner Helden verewigt. Immer wieder waren seine Geschichten ein Stück eigenes Leben. Das wird in Die Tränen meines Vaters besonders deutlich. Die autobiografischen Details, das Bedauern über verpasste Chancen, über Missverständnisse und die vielen außerehelichen Affären machen Updikes letzten Band zu einer Art Memoirensammlung. Noch einmal offenbart er sich seinen Lesern schonungslos. Einmal mehr zeichnet er meisterhafte Porträts, äußert er Gedanken zum Leben und speziell zum Altern in wunderbar klarer Sprache. Die Tränen meines Vaters aus dem Rowohlt Verlag sind ebenso ergreifend wie amüsant und spannend zu lesen.
Alfons Schuhbeck: Meine Reise in die Welt der Gewürze
Um sie wurden Kriege geführt und Männer brachen zu waghalsigen Abenteuern auf. Wer den Handel mit Gewürzen kontrollierte, dessen Reich erblühte. Alfons Schuhbeck zeigt dies auf wunderbare Weise.
In seinem Kochbuch Meine Reise in die Welt der Gewürze wagt der Spitzenkoch einen ganz anderen Ansatz für ein solches. Die mehr als 150 Rezepte rücken in den hinteren Teil des Buches. Im Vordergrund steht das Erleben und die Geschichte der feinen Zutaten, die eine Geschichte der Menschheit ist. Von ihrer Bedeutung in Babylon und dem alten Rom bis ins Mittelalter sowie darüber hinaus weiß Schuhbeck unterhaltsam zu erzählen. Er behält dabei seine Sicht als Koch und Gourmet.
Diese geschichtliche Perspektive ist eher selten und daher sehr interessant. Zudem hebt das Buch die medizinischen Aufgaben der Gewürze und Kräuter hervor. Auch das trifft den Zeitgeist: Genuss mit gesunder Lebensweise zu verbinden, ist en vogue. Garniert wird dieses köstliche Menü aus dem Verlagshause Zabert Sandmann mit persönlichen Erlebnissen von Schuhbecks Reisen nach Damaskus, Marrakesch oder Beirut. Und was passt besser zur Weihnachtszeit als der Duft von Zimt, Myrre und Weihrauch?
Wer mehr über diese Gewürze erfahren will, sollte Schuhbecks kulinarischen Reisebericht lesen: ein Buch für Weltenbummler, Arabisten und Gourmets.
Alice Schwarzer: Lebenslauf
Was hatte sie sich nicht alles anhören müssen: «Hexe mit dem stechenden Blick», «Männerhasserin», «Schwanz-ab-Schwarzer». Doch statt sich verletzt und beleidigt zurückzuziehen, hat die Journalistin und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer immer gekämpft, die Konfrontation gesucht und sich nie einschüchtern lassen.
In den vergangenen 40 Jahren war die heute 69-Jährige sowohl in Frankreich als auch in Deutschland maßgeblich an der Frauenbewegung beteiligt, setzte sich gegen den §218 («Abtreibungsparagraf») ein, hat vor mehr als 30 Jahren die Zeitschrift Emma gegründet und mehrere Bücher geschrieben, die von Frauen und auch von Männern auf der ganzen Welt gelesen werden. Auch heute noch mischt sich Alice Schwarzer ein - und wird dafür häufig angefeindet. Sie nimmt es mit Humor. Denn Humor, so Schwarzer, sei die «ultimative Waffe». Dass Alice Schwarzer davon etwas versteht, kann man in ihrer Biographie Lebenslauf nachlesen.
Darin gibt sie, die sich normalerweise über ihr Privatleben äußerst bedeckt hält, erstmals Einblick in die Zeit, bevor aus Alice Schwarzer Deutschlands «Star-Feministin» wurde - eine Bezeichnung, die sie im Übrigen nicht mag. Sie erzählt auch von ihrer ungewöhnlichen Kindheit im Wuppertal der Nachkriegsjahre. Die 1942 geborene Alice wird nicht von ihrer Mutter, sondern von ihren Großeltern aufgezogen. Genauer gesagt, von ihrem Großvater, den sie «Papa» nennt. Sie lässt den Leser an ihrem Leben in Paris teilhaben sowie an ihrer großen Liebe zu Bruno.
Bei der Lektüre von Lebenslauf (Kiepenheuer & Witsch) wird schnell klar, dass das Image, welches Schwarzer dank schlechter und geschmackloser Berichterstattung und dummen Vorurteilen anhaftet, nichts mit der Realität zu tun hat. Die Frau, die Alice Schwarzer beschreibt, ist keine stumpfsinnige Männerhasserin, die alles Männliche verdammt. Sie ist eine Frau, die sich leidenschaftlich für Gerechtigkeit einsetzt, dabei selbst immer gerecht ist und nicht selten Humor beweist.