Von Oliver Zimmermann
In den 1970er Jahren überzog die Rote Armee Fraktion Deutschland mit einer beispiellosen Terrorwelle. Die seelischen Wunden der Opfer schmerzen heute noch. Das zeigt der ARD-Film In den besten Jahren mit Senta Berger und Matthias Brandt eindrucksvoll.
Opfer von Gewalttaten spielen in TV- und Kinofilmen eher selten eine zentrale Rolle. Die Drehbücher kümmern sich lieber um die Täter. Ganz anders in dem Drama In den besten Jahren: Darin spielt Senta Berger die Witwe eines Mordopfers der Roten Armee Fraktion (RAF), die durch den gewaltsamen Tod ihres Mannes mit lebenslanger Seelenqual bestraft wurde. Der Täter blieb hingegen auf freiem Fuß und kommt im Film so gut wie gar nicht vor.
Vor 41 Jahren wurde der Streifenpolizist Anton Welves bei einer Routinekontrolle von einem RAF-Terroristen kaltblütig erschossen. Seither lebt die Witwe Erika in Trauer. Sie kann den Tod ihres Mannes nicht überwinden. Und sie kann nicht verstehen, warum der Täter nie zur Rechenschaft gezogen wurde. Dank der Kronzeugenregelung blieb er ein freier MannDenise Zich ist mit ihrem Schauspielkollegen Andreas Elsholz verheiratet. . Um ihn wurde sich gekümmert. Erika blieb mit ihrem Seelenschmerz hingegen allein.
Erst jetzt, nach all den vielen Jahren, scheint sich jemand für sie zu interessieren. Der Journalist Max Beiler möchte einen Artikel über die Witwe verfassen. Erika ist darüber hoch erfreut. Doch die ausgiebigen Gespräche lassen auch viele alte Erinnerungen wieder hochkochen. Für Erika beginnt ein Spießrutenlauf durch die eigene Vergangenheit. Bis sie einen wichtigen Entschluss fasst: Sie muss den abgetauchten Täter unbedingt ausfindig machen, um dieses düstere Kapitel ihres Lebens ein für allemal zu beenden.
Kein typischer RAF-Film
In den besten Jahren kreist um den Mord eines RAF-Terroristen. Trotzdem ist das fiktive Fernsehdrama von Regisseur Hartmut Schoen kein RAF-Film. Vielmehr geht es um das Opfer einer ungesühnten Gewalttat. «Es gibt ehemalige Täter, aber keine ehemaligen Opfer», fasst Schoen die Intention seines Films zusammen.
Eindrucksvoll zeigt er die tiefsitzende Trauer der Witwe, die auch auf ihr direktes Umfeld abstrahlt. Seit dem gewaltsamen Tod ihres Mannes konnte sie sich auf keinen anderen Mann mehr einlassen. Seit über 40 Jahren ist der Mord das Thema, das ihr Leben bestimmt. Das bekommt auch ihre Tochter zu spüren, die den Tod des Vaters ebenfalls noch nicht vollständig verarbeitet hat.
Der Fernsehfilm skizziert in bewegenden Bildern, wie die Tat eines Einzelnen das Leben vieler Menschen nachhaltig prägen und beeinflussen kann. Wer der Täter ist und welche Motive ihn zu seiner Bluttat veranlassten, ist dabei vollkommen unerheblich. Entscheidend sind die Opfer und ihre Art, mit der Tragödie umzugehen.
Der Film bewegt sich dabei schnell aus dem Kreis der Familie hinaus. Gezeigt wird auch der Kollege des toten Polizisten, der mit am Tatort war und sich seither in Selbstvorwürfen suhlt. Ähnlich ergeht es dem Staatsanwalt, der die Kronzeugenregelung initiierte. In den Hinterköpfen dieser beiden Männer ist die Tat ebenfalls noch immer präsent.
Glaubhafte Senta Berger
Im Mittelpunkt steht allerdings die Witwe, der Senta Berger ein glaubhaftes Gesicht verleiht. Aus ihrer Mimik lässt sich Unsicherheit ablesen. Die Frau weiß nicht mit ihrem Gefühlschaos aus Trauer, Schmerz und Zorn umzugehen. «Ich habe an einen Vulkan gedacht, an seine graue Asche, unter der der glühende Lavastrom unaufhörlich fließt», sagt Berger über die Herangehensweise an ihre Rolle. Dieses Bild trifft den Kern.
In den besten Jahren ist ein ruhiger, gefühlvoller und dabei äußerst präzise erzählter Film über Menschen, die von vielen anderen Drehbüchern ignoriert werden. Gerade das hebt das Drama von der Masse ab.
Titel: In den besten Jahren
Regie: Hartmut Schoen
Darsteller: Senta Berger, Matthias Brandt, Christina Große, Felix Eitner
Sendetermin: Mittwoch, 14. Dezember 2011, 20.15 Uhr, Das Erste