Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach, Hamburg
1865 wird die Sklaverei in den USA abgeschafft. Doch noch 100 Jahre später sind Schwarze Menschen zweiter Klasse. Davon handelt das bewegende Drama The Help. Die Hauptdarstellerinnen Emma Stone und Viola Davis im news.de-Interview.
Ihr aktueller Film heißt The Help. Es geht um die amerikanischen Südstaaten in den 1960er Jahren, wo schwarze Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelt werden und sich dennoch um die Kinder von weißen Müttern kümmern müssen. Der Film ist sehr anrührend, man kann zwei Stunden durchheulen. Wie haben Sie reagiert, als Sie ihn zum ersten Mal gesehen haben?
Emma Stone: Wir haben das Skript gelesen und waren in den Szenen, deshalb ist es für uns ziemlich schwer, so zu reagieren, weil wir sehr nah dran sind.
Viola Davis: Wenn ich mir erlaube, nicht überkritisch und pingelig mit mir selbst zu sein, dann berühren mich sehr viele Szenen. Aber meistens ist es einfach schwer, sich selbst auf der Leinwand zu sehen.
Immer noch?
Davis: Machen Sie Witze?
Stone: Es wird immer schlimmer.
Davis: Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich Schauspieler fühlen müssen, die seit 40, 50 Jahren im Geschäft sind. Man sieht sich selbst altern.
Stone: Die ersten paar Male war ich aufgeregt, habe mich gefreut: Hey, ich bin in diesem Film! Aber mit der Zeit ist das immer schlimmer geworden.
Emma, wie hat Michelle Obama der Film gefallen? Die Präsidentengattin hatte Sie ja ins Weiße Haus eingeladen.
Stone: Ich glaube, sie liebt den Film. Ihre älteste Tochter hatte das Buch gerade in der Schule gelesen. Deshalb haben Mrs. Obama, ihre Mutter und Melia den Film zusammen geschaut. Sie ist so eine warmherzige, nette Person. Kann sein, dass sie deshalb einfach nur behauptet hat, dass sie den Film mochte.
Sie haben The Help also gar nicht mit ihr zusammen geguckt?
Stone: Sie war da und hat den Film vorgestellt, dann ist sie aber nach Camp David (Erholungsort für den Präsidenten in Maryland, Anm. d. Redaktion) gefahren.
Sie sind für viele komödiantische Rollen bekannt. Wieso haben Sie sich nun für diesen Film entschieden?
Stone: Ich habe mich nicht für den Film entschieden. Man war so nett, mich mitspielen zu lassen. Ich wollte wirklich dabei sein, darüber musste ich gar nicht nachdenken, aber man weiß nie, ob man die Rolle auch bekommt. Ich hatte einfach Glück. Ich denke übrigens nicht: Das ist ein gutes Drama oder das ist eine gute Komödie. Man verliebt sich in die Geschichte oder in den Charakter, den man spielt. Ob der jetzt lustig, traurig oder einsam ist. Man verliebt sich nicht in ein Genre. Und ich liebe die Geschichte, den Cast, den Regisseur. Das passt alles fantastisch zusammen.
Viola, wie haben Sie sich auf die Rolle des unterdrückten Dienstmädchens Aibileen vorbereitet, das von der weißen Familie schlecht behandelt wird?
Davis: Wir haben Dokumentationen über Hausmädchen geschaut, wie die Eyes On The Prize-Serie über die afro-amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Ich habe außerdem jedes einzelne Buch über die 1960er in Amerika gelesen. Außerdem reichte es schon fast, in Mississippi zu sein. Wir waren einen Monat vor Drehbeginn dort, um zu proben. Wir haben dort gegessen, wir hatten Milch-Punch- und MoonshineMoonshine steht für selbstgebrannten, illegalen Schnaps. -Partys. Wir sind in die Kultur dort eingetaucht. Als wir mit dem Drehen begonnen haben, war es, als ob wir dort wirklich leben.
Kennen Sie diese Geschichten der Rassentrennung, wie sie in The Help erzählt werden, aus dem Leben Ihrer Familie?
Davis: Oh ja, meine Mutter spricht ständig darüber. «Deine Großmutter haben sie wirklich schlecht behandelt. Aber zu deiner Tante waren sie immer sehr nett.» Jeder hat die verschiedensten Geschichten zu erzählen. Meine Oma hat auch auf die Kinder von Weißen aufgepasst, das Haus geputzt und 25 Dollar pro Woche dafür bekommen. Das hat sie fast ihr ganzes Leben lang gemacht. Meine Mutter musste derweil ihre 18 Geschwister erziehen.
Schwarze werden als Menschen zweiter Klasse behandelt und die Weißen vertrauen ihnen trotzdem ihre Kinder an. Können Sie sich diese Diskrepanz erklären?
Davis: Wenn ich die Dynamik und psychologischen Vorgänge von Hass, Rassismus und Sexismus erklären könnte, wäre ich Multimillionärin. Wenn ich das verstehen würde, würde ich sofort ein Buch schreiben, um alles zu verhindern. Es zeigt, wie kompliziert Menschen sind und wie fähig wir sind, zu zerstören, wenn uns niemand aufhält. Jemand muss dich aufhalten und dir klarmachen, was du gerade tust. Es sieht aus, als würde jede Generation eine neue Form des Hasses kreieren.
Die Antagonistin im Film ist Hilly Holbrook, die sich sehr für die Rassentrennung einsetzt. Können Sie Sympathie für diese Figur empfinden?
Stone: Ich würde nicht Sympathie sagen, aber ich kann in gewissen Maße verstehen, wie sie tickt. Wie jeder habe auch ich ignorante Menschen kennengelernt. Leute, die in die Irre geführt wurden. Mein absolutes Lieblingszitat ist: «Wenn du die Geschichte hinter jedem Menschen kennen würdest, müsstest du jeden lieben.» Jedes Baby wird unschuldig und unverfälscht geboren. Wenn man wüsste, was in jedem einzelnen Moment ihres Lebens passiert ist, bis heute, könntest du auch verstehen, warum sie so ist, wie sie ist. Warum sie an das glaubt, woran sie glaubt. Mehr als alles andere, ist sie ignorant.
Sie haben gesagt, dass Ihre Mutter das Buch von Kathryn Stockett, auf dem der Film basiert, liebt. Was hat sie zum Film gesagt?
Stone: Sie hat das größte Kompliment gemacht, indem sie gesagt hat: «Der Film ist dem Buch gerecht geworden.» Sie hat den Film neun Mal gesehen.
Davis: Wirklich?
Stone: Jedes Mal wenn ich mit ihr spreche, sagt sie: «Ich komme gerade aus dem Kino und habe The Help mit all meinen Freundinnen gesehen.» Sie liebt den Film. Und das ist nicht nur meinetwegen, das kann ich Ihnen garantieren.
Der Film spielt in den 1960er Jahren in den USA. Warum denken Sie, dass der Film beim deutschen Publikum ankommt?
Stone: Weil ich denke, dass viele Kulturen - nicht nur die deutsche - eine Verbindung dazu haben. Es gibt überall Teile der Geschichte, auf die man nicht stolz ist, die aber überwunden wurden. Wir sind in modernen Zeiten angekommen. Außerdem ist es eine Geschichte über Freundschaft, Liebe, Gleichheit. Was wir jetzt wissen und wer wir jetzt sind, im Gegensatz zu dem, wer wir früher waren. Wir haben aus der Ignoranz der damaligen Generation gelernt. Es ist eine universelle Story. Wir als Amerikaner können ja auch aus der Geschichte anderer Nationen lernen. Wir sind alle Menschen, egal wo wir leben. Wir alle stehen morgens auf oder gehen zu Bett. Wir ziehen uns alle die Hosen gleich an. Wenn du ein Mensch bist, kannst du dich mit dieser Geschichte identifizieren.
Titel: The Help
Regie: Tate Taylor
Darsteller: Emma Stone, Viola Davis, Octavia Spencer, Cicely Tyson, Bryce Dallas Howard, Jessica Chastain und Sissy Spacek
Filmlänge: 146 Minuten
FSK: keine Altersbeschränkung
Verleih: Walt Disney
Kinostart: 8. Dezember 2011