Von news.de-Redakteur Cord Krüger
Ein Tatort als Groteske mit Musikeinlagen und Halluzinationen? Das Dorf treibt manche Zuschauer zur Weißglut, andere sind begeistert. Darf es einen so experimentellen Tatort überhaupt geben? Wir meinen: unbedingt.
Erinnern Sie sich noch an die SFB-Tatorte aus den späten Neunzigern? Da drehten die Berliner plötzlich nicht mehr auf Film, sondern mit Videokameras. Das sah ziemlich ärmlich aus und kam nicht besonders gut an, auch wenn sich der damalige Fernsehspielchef Justus Boehnke als Vorreiter sah: «In ein paar Jahren drehen alle auf Video», verkündete er vollmundig. Und lag daneben. Das Experiment scheiterte, gedreht wurde weiterhin auf Super-16, und erst dieser Tage wird auf die neueste Digitaltechnik umgestellt.
Stillstand ist der Tod, weiß Herbert Grönemeyer. Versuch macht klug, weiß der Volksmund. Aber das gilt eben für beide Richtungen. Ohne neue Ideen, geniale wie schlechte, verdorrt jedes noch so gute Konzept. Nun ist das Konzept des Tatorts ein sehr gutes, aber eben auch ein steinaltes. Von Zeit zu Zeit braucht es neue Impulse.
Der jüngste Tatort, Das Dorf, war ein solcher Impuls: Ein ziemlich verwegenes Stück Krimi, das die ehernen Tatort-Gesetze unerhört weit beugte. Ins Groteske, Absurde, ins Surreale. Das Dorf ist alles mögliche und vielleicht von allem zu viel, aber sicher nicht Dienst nach Vorschrift.
Keine rausgeworfenen Rundfunkgebühren
Die Zuschauerreaktionen reichten denn auch von blankem Entsetzen bis hin zu Bewunderung. Das Dorf sei «grottenschlecht», «unglaubwürdig» oder «einfach nur peinlich» meinten die einen, andere sprachen von einem «Erlebnis jenseits der Trampelpfade» und sahen in Justus von Dohnányis Krimi sogar «eine massive Kritik an den Mängeln vieler Tatorte anderer Regisseure».
Beide Lager haben gute Argumente und jedes Recht, begeistert oder abgeschreckt zu sein. Der springende Punkt ist allerdings: Experimente wie Das Dorf müssen möglich sein und sind gewiss keine rausgeworfenen Rundfunkgebühren. Fehlermachen und aus ihnen lernen gehört gegebenenfalls ebenso zum Auftrag der Sender wie das Festhalten an Bewährtem und das Einbinden neuer, guter Ideen.
Auch Manfred Krugs und Charles Brauers Gesangseinlagen haben irgendwann mal als beknackter Einfall angefangen und wurden Kult. Ebenso wie ein gewisser feingeistiger Pathologe und ein Spontikommissar, die in Münster gerade von Quotenerfolg zu Quotenerfolg eilen. Das ist ja auch das Schöne beim Tatort. Man erinnert sich letzten Endes an seine Glanzstunden und vergisst die missglückten Experimente, die zu ihnen führten. Zu welcher Kategorie Das Dorf gehört, werden wir erst in einigen Jahren wissen.
beu/news.de