Der «Jedermann» gehört zu den populärsten Stücken des deutschen Theaters. Bei den Salzburger Festspielen ist das Drama von Hugo von Hofmannsthal seit Jahrzehnten der Publikumsrenner.
Berlin (dpa) - Der «Jedermann» gehört zu den populärsten Stücken des deutschen Theaters. Bei den Salzburger Festspielen ist das Drama von Hugo von Hofmannsthal seit Jahrzehnten der Publikumsrenner.
Hochkaräter wie Will Quadflieg, Curd Jürgens, Maximilian Schell, Klaus Maria Brandauer und Helmut Lohner glänzten als Titelhelden - Stars wie Christiane Hörbiger, Senta Berger und Veronica Ferres an ihrer Seite. Zugleich gibt es aber wenige Stücke, die so oft zerrissen wurden wie der «Jedermann». Am Donnerstag wird der «Jedermann» hundert Jahre alt.
Die Uraufführung am 1. Dezember 1911 war - wer hätte das gedacht - nicht in Salzburg, sondern in Berlin. Der damalige Chef des Deutschen Theaters, der legendäre Regie-Magier Max Reinhardt (1873-1943), brachte das Stück seines ebenfalls aus Österreich stammenden Freundes Hofmannsthal (1874-1929) in der riesigen Arena des Zirkus Schumann an der Friedrichstraße auf die Bühne. Mehr als 3000 Gäste, ein gigantisches Bühnenbild und aufwendige Massenszenen - bei den Medien war schon die erste Inszenierung umstritten, bei den Zuschauern löste sie Beifallsstürme aus. Der neue Publikumsliebling war geboren.
Im «Spiel vom Sterben des reichen Mannes», so der Untertitel, lässt Hofmannsthal nach dem Vorbild mittelalterlicher Mysterienspiele abstrakte Begriffe wie Gott und Teufel, Mammon und Gute Werke, Glaube und Tod leibhaftig als Figuren auftreten. Der wohlhabende Jedermann wird danach wegen seiner Hartherzigkeit vor Gottes Richterstuhl zitiert. Weder sein treuer Knecht noch seine Geliebte («Buhlschaft») wollen ihn ins Grab begleiten, all sein Reichtum nützt nichts mehr. Erst als er auf den Glauben hört und Gott um Gnade bittet, wird seine Seele vor dem Teufel gerettet.
Hofmannsthal war schon 1903 durch den Hinweis eines Freundes auf die mittelalterliche Vorlage aus England aufmerksam geworden. Zwei Jahre später erarbeitete er einen eigenen Entwurf, der noch in Prosa verfasst war. Aber erst 1910, als Reinhardt auf den Abschluss des Stücks drängte, setzte sich der junge Wiener Literat erneut daran und schuf eine völlig veränderte Fassung in Versen, abgefasst in einer altertümlichen, leicht holprigen Sprache. Er habe den alten Stoff «gewähren lassen ohne Einmischung», sagte Hofmannsthal.
Neun Jahre nach der Uraufführung findet das Stück in Salzburg sein eigentliches Zuhause. Es eröffnet mit einem Paukenschlag die Salzburger Festspiele, die Reinhardt und Hofmannsthal vor allem mit Unterstützung des Komponisten Richard Strauss ins Leben gerufen hatten. Bei der Premiere am 22. August 1920 steht erneut der legendäre Alexander Moissi als Jedermann auf der Bühne, der schon in Berlin Erfolgsgarant war. Allerdings mussten die Schauspieler ohne Gage auftreten - der Fürsterzbischof hatte die Veranstalter verpflichtet, den Reinerlös den Kriegsinvaliden zu spenden.
Seither hat der «Jedermann» in unterschiedlichsten Versionen seinen Siegeszug über große und kleine Bühnen angetreten. Selbst beim Krönungsjubiläum von Kaiser Haile Selassie 1959 in Addis Abeba war das Stück zu sehen - auf Amharisch. In der «Heimatstadt» Berlin gibt es seit 1987 jährliche «Jedermann»-Festspiele. Und die Salzburger Kulturbühne von Peter Willy Willmann hat mit Originalkostümen von 1959 eine gestraffte Version entwickelt, die mit hochkarätigen Schauspielern wie Christine Neubauer, Hanna Schygulla oder Jutta Speidel auf Tournee geht.
Das Salzburger Festspielpublikum allerdings akzeptiert nur die Open-Air-Inszenierung vor der gigantischen Kulisse des Domplatzes als den echten und wahren «Jedermann». Mehr als 600 Aufführungen hat es inzwischen gegeben. Nur während der Nazi-Zeit musste das Stück vom Spielplan genommen werden - der katholische Hofmannsthal hatte einen jüdischen Urgroßvater.
Mancher Anhänger der Hochkultur kritisiert das Freiluftspektakel, bei dem es vor allem um Sehen und Gesehen-Werden geht, als leichtfüßige Hochglanzrevue, das Stück als kitschig-naiv. Bis 2001 hatten die Regisseure sich meist streng an Reinhardts Vorlage gehalten, seit 2002 bringt Christian Stückl frischen Wind auf den Domplatz. Dieses Jahr war seine Verjüngungskur radikal wie nie - begeisterter Applaus.
Der frühere Wiener Grantler und Kabarettist Helmut Qualtinger, der schon 1957 den bitterbösen «Jedermann-Kollapso» dichtete, hatte einst noch gemeint: «Was ist an dem Stück schon zu inszenieren? Den "Jedermann" kann auch ein christlicher Gesellenverein spielen.»
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