Robert Harris jüngster Roman «Angst» spielt im beschaulichen Genf, dreht sich aber um die internationalen Finanzmärkte. Sein Held Alexander Hoffmann erfindet ein Computerprogramm, das Gewinnmaximierung bei Börsengeschäften zur scheinbar sicheren Sache macht, dann aber außer Kontrolle gerät.
Berlin (dpa) - Robert Harris jüngster Roman «Angst» spielt im beschaulichen Genf, dreht sich aber um die internationalen Finanzmärkte. Sein Held Alexander Hoffmann erfindet ein Computerprogramm, das Gewinnmaximierung bei Börsengeschäften zur scheinbar sicheren Sache macht, dann aber außer Kontrolle gerät.
Die Handlung spielt am 6. Mai 2010, dem Tag, der in der Börsengeschichte als «Flash Crash» einging. Innerhalb kurzer Zeit stürzte der Dow Jones um fast 1000 Punkte ab, ohne dass die Broker genau wussten, warum. Für Robert Harris ein Zeichen dafür, dass im Aktienhandel längst die Computer das Sagen haben und zu «Frankensteins Monstern der Gegenwart» geworden sind. Nun denkt er über eine Fortsetzung des Romans nach.
Was haben Sie am 6. Mai 2010 gemacht?
Harris: «Ich hatte damals schon entschieden, ein Buch über einen Hedgefonds mit Sitz in Genf zu schreiben. Am 6. Mai waren Parlamentswahlen in Großbritannien, und ich bin am späten Nachmittag wählen gegangen. Als ich wieder zu Haus war und die Nachrichten einschaltete, wurde zu meiner Überraschung nicht über die Wahlergebnisse, sondern über den Kurssturz an der amerikanischen Börse berichtet. Es war genau das gleiche Szenario, über das ich gerade für meinen Roman nachgedacht hatte. Das war schon ein etwas gruseliger Moment, einer von mehreren beim Schreiben dieses Buches.»
Wann kam Ihnen die Idee zu dem Thema?
Harris: «Das ist schon lange her, etwa zwölf Jahre. Ich habe mich immer sehr für George Orwells «1984» interessiert, und ich habe gedacht, es wäre interessant, meine eigene Version davon zu schreiben. Aber mir erschien nicht mehr der Staat als die Bedrohung für die Freiheit, sondern Aktiengesellschaften, Technologie, das Internet, Computer-Algorithmen. Dann habe ich es aber nie geschafft, diesen Roman zu schreiben, am Ende gab ich auf. Nach der Lehman-Brothers-Pleite habe ich angefangen, ernsthafter auf dieses Thema zu blicken. Und nachdem ich die Analysen zum 6. Mai gelesen hatte, wusste ich, dass es eine gute Idee wäre, das Buch genau an diesem Tag spielen zu lassen.»
Haben Sie selbst in der Finanzkrise Geld verloren?
Harris: «Fast. Ich hatte Geld in AIG gesteckt, den großen US-Versicherungskonzern, der 2008 in die Krise geriet. Viele Leute haben da Geld verloren. Ich hatte Glück, dass die Bank meine Verluste übernommen hat. Aber es war für mich eine Mahnung, nicht zu vergessen, dass so etwas nicht sicher ist.»
Haben Sie vor dem Schreiben «Frankenstein» gelesen?
Harris: «Ja. 'Frankenstein' war schon vor zwölf Jahren in meinem Kopf. Aber nach meiner Vorstellung würde die neue Lebensform, das neue Monster kein Tier, kein Roboter sein, sondern eine digitale Einheit. Die Monster von heute sind Computerprogramme. Es gibt einen digitalen Sumpf, in dem Wesen entstehen, die keine Form in der wirklichen Welt haben, aber von Rechner zu Rechner wandern können.»
Glauben Sie, Computer sind nicht mehr zu kontrollieren?
Harris: «Das ist fast unmöglich. Wir sind abhängig von ihnen, wir wären hilflos ohne sie. Wir brauchen sie in allen Aspekten des Lebens, für die Kommunikation bis zu der Art, wie wir unsere Autos parken, das ist die Welt in der wir leben.»
Warum ist ihr Held Wissenschaftler und nicht Aktienhändler?
Harris: «Der Großteil der Aktien an der Börse in New York wird von Computern gehandelt. Physiker und Mathematiker haben in den 90er Jahren den Alptraum solcher Finanzinstrumente erschaffen, die schließlich die Lehmann-Pleite verursacht haben und die Explosion der Staatsausgaben.»
Halten Sie Ihren Roman für realistisch?
Harris: «Es ist ein bisschen wie in '1984'. Die Welt, die Orwell sich vorgestellt hat, war Fiktion. Aber viele Aspekte davon existierten oder kamen später, etwa, was Überwachung angeht oder die Teilung der Welt in zwei Machtblöcke, Propaganda, politische Denkverbote. Alle diese Aspekte, die Orwell in seinem Roman geschildert hat. Das wollte ich auf meine eigene bescheidene Weise auch machen. Es gibt Dinge, die grotesk wirken, wie das Computerprogramm, das Hoffmann entwickelt. Aber ich fühle es inzwischen sehr oft um mich herum, wenn ich auf die Märkte gucke. Zum Teil gibt es Dinge in dem Buch, die stärker Wirklichkeit geworden sind, als ich gedacht habe.»
Ihre Schwiegermutter sagt, sie habe nach dem Lesen des Buches verstanden, wie ein Hedgefonds funktioniert. Sie auch?
Harris: «Ich verstehe die Finanzmärkte jetzt viel besser als zuvor. Wir alle müssen verstehen, was Wertpapiere und Renditen sind. Es ist wichtig, dass wir die grundsätzliche Grammatik der Finanzwelt begreifen: Was ein Hedgefonds macht und wie der Aktienmarkt funktioniert. Die Details sind allerdings so kompliziert geworden, dass sie niemand mehr richtig versteht. Die Wissenschaftler, die solche Algorithmen entwickeln, arbeiten nicht auf Schulniveau, das sind Physiker und Mathematiker von Spitzenuniversitäten. Nur ein paar Leute aus ihrer wissenschaftlichen Peergroup verstehen, was sie machen.»
Ist das noch zu kontrollieren?
Harris: «Als der Kommunismus zusammenbrach, da gab es eine Stimmung, dass alles den freien Märkten überlassen werden kann und sich der Kapitalismus als das überlegene System erwiesen hat. Rund um die Welt wurden die Kontrollen gelockert, und die Banker wurden reich. Die Politiker haben immer mehr an Bedeutung verloren, die Technokraten immer mehr Positionen erobert. Aber das ist krank, und öffentlicher Druck wird die Politiker zwingen, die Märkte wieder mehr zu kontrollieren.»
Gibt es eine Fortsetzung Ihres Romans?
Harris: «Die richtige Geschichte fängt eigentlich erst am Ende des Buches an. An diesem Punkt beginnt der Roman, den ich vor zwölf Jahren schreiben wollte. 'Angst' ist gewissermaßen der Prequel. Ich habe noch keine konkreten Pläne, aber ich sehe, dass es interessant wäre, noch weiter zu schreiben. Zunächst schreibe ich das Drehbuch für die Verfilmung. Und dann will ich meine Trilogie über Cicero beenden, da ist noch ein drittes Buch zu schreiben. Aber ich behalte die Finanzmärkte im Blick.»
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