Onlinelexikon Wikipedia sucht Frau

Hier haben die Herren das Sagen: Das Onlinelexikon Wikipedia ist ein reines Männerwerk, doch nicht mehr lange. Mit Hilfe neuer Software sollen die garstige Atmosphäre und Organisationsblindheit verschwinden und so Frauen als Autoren gewonnen werden.

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales (Foto)
Jimmy Wales, Mitbegründer der freien Enzyklopädie Wikipedia, bereitet die Qualität mancher Einträge Kopfzerbrechen. Bild: dpa

Freies Wissen von allen für alle? Zumindest eine Hälfte dieses Versprechens hält das Onlinelexikon Wikipedia nicht: Das Projekt ist ein Männerverein, nur wenige der vielen freiwilligen Mitarbeiter sind weiblich. Eine Frau will das ändern: Sue Gardner, Geschäftsführerin der Wikimedia-Stiftung in San Francisco, die den Kurs des nicht-kommerziellen Projektes bestimmt. Wikipedia soll weiblicher werden - und damit auch besser, hofft Gardner.

Wer Geschlechterkluft definieren wolle, kalauerte die New York Times einmal, müsse einfach die Mitarbeiterliste von Wikipedia aufschlagen. Das Onlinelexikon ist ein Männerverein. Eine Frau will für mehr weibliche Beteiligung und so für mehr Qualität sorgen.

Es gehe nicht um politische Korrektheit, sondern um Qualität, betont die Kanadierin im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur: «Wikipedia strebt danach, die Gesamtheit allen menschlichen Wissens zu sammeln. Und das können wir nicht, wenn unsere Autorenschaft aus einer kleinen Gruppe von Leuten besteht.»

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Wer sind die typischen Wikipedianer?

Den typischen Wikipedianer gibt es nicht, doch einige Trends stechen heraus: Rund 60 Prozent haben einen Hochschulabschluss, wie die Wikimedia-Stiftung im April bei einer Befragung von 5300 aktiven Mitarbeitern herausgefunden hat. Mehr als ein Drittel (36 Prozent) hat Programmierkenntnisse. Und vor allem: 91,5 Prozent sind Männer. «Es hat strategische Priorität, dieses Ungleichgewicht anzugehen», schreibt die Stiftung in einem Bericht.

Nun ist es nicht so, dass sich riesige Lücken in der Wikipedia auftun. Die deutsche Version hat 1,3 Millionen Artikel und ist damit umfangreicher als der Brockhaus. Die englische Version kommt gar auf 3,8 Millionen Texte. Kaum ein Thema, das nicht abgedeckt wäre.

Doch an den Details werden die Unterschiede deutlich. Neue Ego-Shooter, freie Betriebssysteme oder Regionalligisten aus der Fußballprovinz sind lang und breit beschrieben. Freundschaftsbänder und Schuhdesigner bekommen dagegen oft nur ein paar Absätze gewidmet. Hinzu kommt: Das Engagement in der Wissenssammlung lässt in vielen Sprachversionen nach, Neulinge verlieren schnell die Lust. Weiblicher Schwung kann da nicht schaden.

Eine Gemeinschaft mit vielen Konflikten

Eine Hürde tut sich gleich auf, wenn Nutzer auf «Bearbeiten» klicken: Die Artikel sind in einer eigenen Syntax geschrieben, die viele ohne Informatik-Studium oder zumindest einen Sinn fürs Tüfteln abschreckt. Die treuen Stammmitarbeiter kennen sich damit aus oder haben sich längst daran gewöhnt. «Die Forschung zeigt, dass Männer eher Technologie als Spaß empfinden und lernen», sagt Sue Gardner. Aber auch ältere, weniger technikaffine Nutzer dürften Probleme haben.

Und wer sich von der Technik nicht abschrecken lässt, ist womöglich vom direkten, oft rauen Ton abgestoßen, der im Kampf um die Hoheit über einen Artikel oder die richtigen Formulierungen herrscht. 24 Prozent der Befragten gaben in der Wikimedia-Studie gar an, Opfer von Belästigungen geworden zu sein. Es zeichne sich das «Bild einer Community, in der es viele Konflikte gibt», bemerkt dazu das Projekt Wiki-Watch, das Wikipedia kritisch begleitet.

«Ich vermeide Verallgemeinerungen, aber Frauen bevorzugen eine harmonische Umgebung, in der alle freundlich, warm und offenherzig sind», sagt Wikimedia-Chefin Sue Gardner. «Die Wikipedia-Community ist anders, die Mitarbeiter mögen wirklich Kontroversen und Debatten.»

Frauen vor dank Software

Warum so eine garstige Atmosphäre herrscht, ist schwierig zu sagen. Dass sie abschreckt, ist aber unstrittig. Es gebe eine «Organisationsblindheit», meint der Soziologe Christian Stegbauer. «Man hat sich an die Kultur - oder Unkultur - gewöhnt und merkt nicht, was auf Außenstehende merkwürdig wirkt», sagt der Wikipedia- Experte von der Universität Frankfurt. Ein Problem sieht er in der indirekten Kommunikation übers Netz: «Dadurch, dass man sich nicht in die Augen guckt, geht der Kontext verloren, den man bei einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht hat.» So schaukle sich ein Streit schnell auf.

Was also tun? Die Wikimedia-Stiftung setzt bei der Frauenförderung auf Software. Ein lange diskutierter Editor soll die technische Hürde senken: Er zeigt Bearbeitungen so auf dem Bildschirm an, wie sie auch nachher im Artikel erscheinen - ganz ohne Programmierkenntnisse. Gardner hofft, dass bis Ende des Jahres ein Prototyp fertig ist, den dann erfahrene Mitarbeiter testen können. Bis das nutzerfreundliche Programm allen zur Verfügung steht, wird es aber noch dauern. «Neue Software-Funktionen müssen in Zusammenarbeit mit der Community entwickelt werden, wir brauchen einen Konsens - das macht die Entwicklung sehr, sehr langsam», weiß Gardner.

Zudem soll Wikipedia vielfältiger werden, indem es neue Gruppen von der Sammlung des Weltwissens begeistert und über diesen Umweg den bislang geringen Frauenanteil steigert. So gibt es Projekte für Schulen und Universitäten. «Forschungsergebnisse zeigen, dass Männer sich auch ohne besondere Einladung engagieren», sagt Gardner. «Frauen tendieren dazu, dass sie eingeladen werden wollen.» Diese Einladung soll deutlicher ausgesprochen werden. Über die Zeit, so hofft die Kanadierin, werde das die Geschlechterlücke schließen.

boi/zij/news.de/dpa

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