Von news.de-Volontärin Juliane Ziegengeist
Er war ein Meister der düsteren Schauspielkunst und der Skandale. Klaus Kinski wurde dafür weltweit geliebt und gefürchtet. Heute vor 20 Jahren starb der Ausnahmekünstler. News.de geht der Faszination für das Enfant terrible auf den Grund.
Kaum ein Schauspieler war in den 1960er bis 1980er Jahren so sehr auf die Rolle des Psychopaten und Sonderlings abonniert wie Klaus Kinski. Und kaum einer hat diese Rolle nicht nur so gespielt, sondern auch so gelebt wie er. Noch immer gilt der gebürtige Pole, der heute vor 20 Jahren starb, als eine der schillerndsten und verrücktesten Persönlichkeiten der deutschen Filmindustrie - nicht zuletzt aufgrund seines eigenwilligen Charakters auch abseits der Leinwand.
Kinski machte keinen Hehl daraus, allein des Geldes wegen zu schauspielern, und war bereit, jede Rolle anzunehmen. Hauptsache, die Kasse stimmte. Seine Wutausbrüche an Filmsets, gegenüber Regisseuren und auch dem eigenen Publikum sind legendär. Nicht minder trifft das auf sein filmisches Vermächtnis zu. Als Schurke und Bösewicht in insgesamt 16 Edgar-Wallace-Verfilmungen und zahlreichen Italo-Western lehrte er nicht nur die deutschen Zuschauer das Fürchten.
Als herausragend gilt auch seine Zusammenarbeit mit Regisseur Werner Herzog. Fünf Filme drehte Kinski mit dem Deutschen, darunter Nosferatu - Phantom der Nacht als Graf Dracula und Woyzeck als Franz Woyzeck. In dem Dokumentarfilm Mein liebster Feind erzählt Herzog von der Zusammenarbeit - und der Titel ist Programm. Denn der Filmemacher profitierte nicht nur von Kinskis Kreativität und Drang nach Perfektion, sondern litt auch wie kein Zweiter unter dessen scheinbar unkontrollierbaren Aggressionen. Für Herzog war er «Weltwunder» und «die ultimative Pest» zugleich.
Eine Hassliebe, die auch die Boulevardpresse mit Kinski verband und ihn zum Weltstar wider Willen machte. Folgerichtig stand der Schauspieler mit Hollywood-Größen wie Diane Keaton, Susan Sarandon und Anjelica Huston vor der Kamera, trat bei US-Talker David Letterman auf und erzielte mit seinem Buch Kinski Uncut einen Bestseller in Amerika. Aber woher kam die globale Faszination für ihn und sein undurchschaubares Wesen?
Ein Schauspieler, der keiner sein will
In der Frage liegt bereits ein Teil der Antwort. Kinski war unberechenbar, ein Mysterium sozusagen. Mal exzentrisch, egomanisch, beinahe geistesgestört. Mal nachdenklich, sanft, fast verletzlich. All das lag vor allem in seinem wirren Blick, der seinem Gegenüber - ob vis-à-vis oder auf der Leinwand - oft in Mark und Bein überging. Bei keinem Künstler seiner Zeit lagen Genie und Wahnsinn wohl so nah beieinander. Umso faszinierender und glaubwürdiger waren Kinskis schauspielerische Darstellungen - stets zerrüttete Charaktere, Verbrecher, Wahnsinnige.
Dabei hatte man oft den Eindruck, Kinski spiele sich selbst. Denn er verstand es, sein Rollenimage des entrückten Außenseiters in der Öffentlichkeit gekonnt auszuleben. «Ich spiele nicht, ich bin das», sagte er. Und so intensiv und authentisch er in seinen Filmen erschien, so verstörend vielschichtig er sich nach außen gab, mochte man ihm das glauben. Wer Kinski wirklich war, was Selbstdarstellung und was echt, blieb den meisten dennoch verborgen.
Sein Erbe ist sein künstlerisches Schaffen, zu dem auch die zahlreichen Skandale zählen. In 40 Jahren drehte Kinski 140 Filme, wirkte in 25 Theaterproduktionen mit, besprach noch vor dem Hörbuch-Hype Schallplatten, die sich millionenfach verkauften, und füllte als Rezitator riesige Hallen rund um den Globus. Weltbekannt ist sein Auftritt als Jesus-Rezitator in der Berliner Columbiahalle 1971, bei dem er das Publikum nach Zwischenrufen als «Scheiß-Gesindel» beschimpfte. Bis heute klicken sich Mitschnitte von Jesus Christus Erlöser auf Youtube tausendfach.
car/news.de/dpa