Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Anja Kling litt gestern Abend im Film Es ist nicht vorbei an den Folgen ihrer Haftzeit im Frauengefängnis Hoheneck. Reine Fiktion? Im Gegenteil: Tausende Frauen wurden im DDR-Knast gequält und gefoltert.
Hoheneck. Der Name ist ein Reizwort. Er steht für das größte Frauengefängnis der DDR, für ein Schandmal. Denn was sich hinter seinen hohen Mauern abspielte, gehört zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Vergangenheit. Rund 8000 Frauen waren von Anfang der 1950er Jahre bis 1989 in Hoheneck im sächsischen Stollberg inhaftiert. Den meisten von ihnen wurde die Freiheit genommen, weil sie eine Republikflucht in den Westen geplant oder wiederholt Ausreiseanträge gestellt hatten. Im Knast erlebten sie Schläge, psychische Folter und wurden von Ärzten mit Psychopharmaka vollgepumpt.
Im TV-Drama Es ist nicht vorbei, welches Das Erste gestern Abend zum Jahrestag des Mauerfalls zeigte, spielte Anja Kling eine Frau namens Carola Weber, die in Hoheneck durch die Hölle gegangen ist. Mehr als 20 Jahre hat sie die traumatische Zeit verdrängt, doch als sie plötzlich ihrem Peiniger von damals gegenüber steht, bricht die Erinnerung wieder hervor: an die hoch dosierten Psychopharmaka, die ihr gegeben wurden, um ihre Renitenz zu brechen. Und an das kalte Urteil des Arztes, der sie trotzdem als arbeitsfähig einstufte - kurz darauf säbelt eine Maschine der jungen Pianistin bei der Zwangsarbeit drei Finger der rechten Hand ab.
Mit Es ist nicht vorbei ist der ARD ein herausragendes, ein wichtiges Stück Fernsehen gelungen. Genau wie im oscargekrönten Spielfilm Das Leben der Anderen ist der eigentliche Plot zwar erfunden, aber in ihm steckt doch viel Wahrheit. Denn das, was Carola Weber im Film widerfahren ist, haben Tausende Frauen in der Realität erlebt: den gemeinsamen Marsch der Gefängnisinsassinnen zur Arbeit, die Methode der Problemlösung der Wachteln genannten Aufseherinnen, die Spritzen und die Ketten, mit denen Gefangene an Stahlbetten gefesselt wurden, bis sie buchstäblich Ruhe gaben, gebrochen waren. Für viele Frauen, die in Hoheneck einsaßen, ist «es» bis heute nicht vorbei.
Davon berichtete auch die Dokumentation Die Frauen von Hoheneck, die im Anschluss an den Spielfilm gezeigt wurde. Die Autoren Kristin Derfler und Dietmar Klein haben in mehrjährigen Recherchen mit vielen Frauen gesprochen. Zum Beispiel mit Ellen Thiemann, die wegen versuchter Republikflucht verurteilt wurde, verraten vom eigenen Ehemann.
Thiemann hat verhindert, dass aus Burg Hoheneck ein «Event-Hotel» wurde, in dem Gäste in zellengroßen Zimmern wohnen und Schließerinnen morgens einen Knust Brot als Frühstück servieren sollten. Sie ist Mitglied des Hohenecker Frauenkreises, der alljährlich in schaudernder Erinnerung an frühere Zeiten zusammenkommt und immer wieder die Stätte des Schreckens gemeinsam abschreitet. «Wir sind Zeitzeugen, wir leben noch. Und so lange wir leben, müssen wir auch darüber reden», sagt Thiemann. Ihre Inhaftierung in Hoheneck bleibe ein Trauma und sei noch heute lebendig. «Wir waren zu ein paar Jahren verurteilt. Tatsächlich dauert unsere Haftzeit lebenslang.»
Die Opfer leiden ihr Leben lang an den Folgen. Und die Täter? Im Film wurde Ulrich Noethen, der den Stasiarzt spielte, trotz Verjährung seiner Schuld und nach einem Mordversuch in Handschellen abgeführt. Dieses aufgesetzt wirkende Finale war der große Schwachpunkt eines ansonsten gelungenen TV-Dramas. Und es entspricht so gar nicht der Realität. Sämtliche Klagen der ehemaligen Strafgefangenen gegen ihre Haftärzte verliefen im Sand. Und: Viele der ehemaligen Mitarbeiter praktizieren noch heute.
Hier ein link von "Abenteuer Forschung" Dauer 26:56. "Planet der Waffen" heißt das Thema. Interessant ist die letzte Minute!!!: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1481388/Planet-der-Waffen#/beitrag/video/1481388/Planet-der-Waffen sind die Täter von damals vielleicht auch Opfer? - Opfer von Ideologie und Manipulationen? "das erste opfer eines krieges ist immer die Wahrheit"
jetzt antwortenKommentar meldenEin wunderbarer Film, wenn auch schrecklich und furchtbar anzusehen, durch welche Hölle,Frauen gehen mußten.Das erinnert an die Nazi Zeit.Chemnitz,damals K.-M.-Stadt war eine" rote Hochburg". Ich selbst komme aus Chemnitz,wußte von meinem Chef, das es Hoheneck gibt. Er hatte eine Tante, die als Schließerin dort tätig war und machte dann seine Witze über die Frauen und das sie unter einander Sex hatten und wie sie behandelt worden sind. Ich wollte davon nix hören, dachte das dort nur Mörderinnen sitzen würden.Aber viele Menschen im Osten kannten diesen Ort des Grauens nicht.
jetzt antwortenKommentar melden"Die Erinnerung macht uns verletzbar und leidensfähig." schrieb Andrej Tarkowskij in "Die versiegelte Zeit". In mehrfacher Hinsicht verstehe ich sein Zitat: Die Opfer aus damaliger Zeit möchten nicht immer reden; die Täter aus damaliger Zeit wollen nicht darüber reden. Der Film "Es ist nicht vorbei" ist Geschichtsaufarbeitung, wie auch "Das Leben der anderen", und weitere Filme, die sich mit Unrecht auseinander setzen. Was ich bisher in keiner einzigen Aufarbeitung gehört, gesehen oder gelesen habe ist: Wie wird man zum Täter? sind die Täter von Damals die Opfer von Ideologie und Manipulation?
jetzt antwortenKommentar meldenSehr gut, dass in der ARD der Film und die Doku gezeigt wurden. Schlimm ist aber, dass in unserem "Rechtsstaat" die Rechte die Verbrecher haben, wenn sie heute noch prak- tizieren. Ein großer Dank gebührt den Frauen von Hoheneck, die diese großartige Aufklärungsarbeit leisten. Ch.Schmidt
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