Film Gothic-Rocker auf Selbstfindungstrip

Rote Lippen, schwarz auftoupierte Perücke, weißes Make-up, dick aufgetragener Kajal: Ein abgehalftertes Callgirl oder eine verlebte Drag Queen? Weder noch. Es ist das Gesicht von Sean Penn als alternder und depressiver Rockstar, der nach dem Sinn des Lebens sucht.

Gothic-Rocker auf Selbstfindungstrip (Foto)
Gothic-Rocker auf Selbstfindungstrip Bild: dpa

Paris (dpa) - Rote Lippen, schwarz auftoupierte Perücke, weißes Make-up, dick aufgetragener Kajal: Ein abgehalftertes Callgirl oder eine verlebte Drag Queen? Weder noch. Es ist das Gesicht von Sean Penn als alternder und depressiver Rockstar, der nach dem Sinn des Lebens sucht.

«Cheyenne - This Must Be The Place» von Paolo Sorrentino ist ein seltsamer Film zwischen Roadmovie und Selbstfindungstrip. Und außerdem eine irritierende und faszinierende Mischung aus Komödie und Drama mit einer Hauptfigur, die der 51-jährige US-Schauspieler sensationell verkörpert.

Cheyenne ist ein ehemals gefeierter Rockstar, doch wegen des Todes zweier Fans, die sich aufgrund seiner Texte das Leben genommen haben, schon lange aus dem Geschäft. Er lebt zusammen mit seiner Frau (Frances McDormand) zurückgezogen in seiner riesigen Villa in Dublin und fristet zwischen Langeweile und Depression sein Dasein. Gekleidet und geschminkt ist er wie damals: als Gothic-Rocker mit schwarz toupierten Haaren und roten Lippen. Ein optischer Abklatsch des Cure-Bandleaders Robert Smith.

Er redet langsam, weinerlich und nur das Notwendigste. Das wenige, das er jedoch von sich gibt, ist ehrlich, naiv und offen. Es ähnelt Bemerkungen eines Kindes, als das er sich gerne gibt - aus Angst vor dem Erwachsensein.

Der Film ist zunächst gewöhnungsbedürftig: Die jämmerliche Gestalt, eine Mischung aus verzogenem Kind und sich dahinschleppendem Wrack, irritiert. Die Absurdität mancher Szenen, wie die, in der Cheyenne mit seiner Frau in lächerlichem Outfit in seinem leeren Swimmingpool eine Ballspiel spielt, verwirrt. Doch je mehr der Film in seiner Erzählung voranschreitet, desto mehr entsteht das Bild eines komplizierten und tiefgründigen Vater-Sohn-Beziehungsdramas.

Als sein Vater stirbt, mit dem er vor 30 Jahren vollständig den Kontakt abgebrochen hat, macht sich Cheyenne auf die Suche nach dessen einstigem KZ-Wächter. Eine Odyssee, die ihn kreuz und quer durch Amerika führt und die zu einem Selbstfindungstrip wird. Dabei trifft er einen anderen gealterten Rockstar, David Byrne, dessen Live-Performance den Titelsong des Films liefert. Das Ganze ist ein Rachefeldzug, auf dem er sonderbaren Charakteren begegnet.

Sorrentino fesselt mit skurrilen Figuren, die nicht in die herkömmliche Gesellschaft passen, und symbolhaften Bildern, die der äußeren Absurdität einen tiefen Sinn verleihen. Am Schluss des Films, als Cheyenne von seiner Reise auf der Suche nach dem Nazi-Schergen und sich selbst wieder nach Dublin zurückkehrt, läuft er aufrecht durch die Welt. Seinen Koffer, den er stets hinter sich herzog, die schwere Last also, die er zu tragen hatte, schleppt er nicht mehr mit sich.

Ein ungewöhnlicher Film, dem man gern verzeiht, dass er inhaltlich teilweise überladen ist und sich hin und wieder in unzusammenhängenden Bildern verirrt. Schwächen, die durch die sensationelle Leistung von Sean Penn mehr als aufgewogen werden.

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news.de/dpa

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