Von news.de-Redakteurin Anne Meyer-Gatermann
Kracher-Regisseur Roland Emmerich wagt sich in die Literaturgeschichte und rüttelt dabei am Podest von William Shakespeare. Der habe die gefeierten Stücke gar nicht selbst geschrieben, so die These seines Films Anonymus.
Prinz Charles hat demonstriert. So weit ist es schon gekommen. Die Mitglieder des Shakespeare Birthplace Trust in Stratford-upon-Avon sind auf die Barrikaden gegangen und der royale Shakespeare-Fan mittendrin. Und das alles wegen eines Kinofilms. Regisseur Roland Emmerich hat mit seinem neuen Film Anonymus eine umstrittene These der Shakespeare-Forschung aufgegriffen und in opulente Bilder gegossen: Shakespeare habe die gefeierten Stücke gar nicht selbst geschrieben, sondern Edward de Vere, der Earl of Oxford.
Doch was Emmerich da so ketzerisch in Szene setzt, ist längst ein alter Hut. Der Regisseur reiht sich in illustre Gesellschaft ein: Schon Mark Twain, Henry James und Sigmund Freud zweifelten an der Autorenschaft Shakespeares. Jetzt kratzt Hollywood an der Fassade des britischen Dichters.
Dass sich ausgerechnet Emmerich, der Haudrauf Hollywoods, in literaturhistorische Untiefen wagt, ist auf den ersten Blick überraschend. Doch im Grunde macht er da weiter, wo er mit dem Weltuntergangsfilm 2012 aufgehört hatte. Jetzt zertrümmert er zwar keine Metropolen, dafür aber das Renommee einer literarischen Legende.
Literaturgeschichte auf Brokat gebettet
So brachial, wie Emmerich das Weiße Haus in Schutt und Asche legte oder den Himalaya flutet, geht er auch mit diesem heiklen Stoff um. Er verkleistert die Story unter einer zentimeterdicken Schicht aus Brokatstoffen, schummrig leuchtenden Lüstern und lärmenden volksnahen Szenen. Einen allzu verkopften Film muss man hier jedenfalls nicht befürchten.
Aber erst einmal zur Story: Weil es sich für einen Adeligen nicht schickt, zu dichten, sucht Edward de Vere (Rhys Ifans) einen, der sich als Autor seiner Stücke ausgeben soll. Er wählt Ben Jonson (Sebastian Armesto), der mit Hingabe volksnahe Dramen schreibt. Doch der Schauspieler William Shakespeare (Rafe Spall) erfährt von dem Deal und nutzt kurzerhand die Gelegenheit, sich selbst als Autor von Hamlet, Othello oder Macbeth auszugeben.
Zähneknirschend muss der Earl of Oxford mitansehen, wie der plumpe Lebemann sich für sein Werk feiern lässt: Das Publikum tobt. Shakespeare greift sich ans Herz, macht eine melodramatische Verbeugung, der Earl rollt nur mit den Augen. Derweil werden bei Hofe munter die Intrigen gesponnen. Wie die Spinne im Netz sitzt in der Mitte die in Spitze, Seide und Brokat gehüllte Königin Elisabeth (Vanessa Redgrave). Berater und Liebhaber umgarnen die mächtige Frau.
Die Dame ist eine glühende Theateranhängerin, ein Vergnügen, das bei Hofe als lasterhaft gilt. Kein Wunder, dass der Earl of Oxford in ihrer Gunst steht. Natürlich ist sie auch eine glühende Verehrerin von Shakespeares Stücken: Bei Hamlet löst sich Elisabeth gar das Korsett. Es geht um die Macht des Wortes, um Taktik und die Sünde hinter der sorgfältig gepuderten Fassade des Hofes.
Lakonie in Spitze
Emmerich überfällt den Zuschauer dabei regelrecht mit seiner Geschichte: Er schöpft nicht nur visuell aus dem Vollen, sondern springt mutig in den Zeiten, sodass man bei dem umfangreichen Personal, das dann auch noch in verschiedenen Stadien des Alterns auftritt, leicht den Überblick verlieren kann.
Dabei hat Emmerich ein weiteres Problem: Fans seiner Kracherfilme wie Independence Day oder 2012 wird er mit Anonymus wohl eher verschrecken, ein kulturbeflissenes Publikum mit seiner recht naiven Sichtweise aber auch.
Ein Genuss hingegen ist Vanessa Redgrave als Königin Elisabeth: Sie spielt die gefürchtete Regentin mit einer interessanten komischen Note, versinkt in Spitze, grotesken Kragen und Pluderarmen und legt dazu ein herrlich lakonisches Gesicht auf.
Doch ebenso wie die Königin versinkt die Geschichte von Anonymus unter dem ganzen Pomp. Eine Stärke des Films ist, dass er stimmungsvolle Bilder findet und dem Drama eine gute Portion Humor abgewinnen kann. Dass Emmerich dann aber auch noch mit Inzest um die Ecke kommt, ist zwar auf den ersten Blick eine erschütternde Wendung, auf den zweiten Blick dann aber doch recht hoch gegriffen. Aus dramaturgischer Sicht allerdings ein kluger Kniff. Das muss man ihm lassen.
Titel: Anonymus
Regie: Roland Emmerich
Darsteller: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Rafe Spall, Sebastian Armesto, David Thewlis
Filmlänge: 130 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Sony
Kinostart: 10. November 2011