Kunst Vom Wert des Wertlosen in der Kunst

Aus Plastikmüll hat der deutsche Künstler Gerd Rohling «Gläser» und «Amphoren» geschaffen, die in der Kieler Kunsthalle - geschickt inszeniert - täuschend echt wie antike Kostbarkeiten den Betrachter in ihren Bann ziehen.

Vom Wert des Wertlosen in der Kunst (Foto)
Vom Wert des Wertlosen in der Kunst Bild: dpa

Kiel (dpa) - Aus Plastikmüll hat der deutsche Künstler Gerd Rohling «Gläser» und «Amphoren» geschaffen, die in der Kieler Kunsthalle - geschickt inszeniert - täuschend echt wie antike Kostbarkeiten den Betrachter in ihren Bann ziehen.

Den Müll der Sängerin Madonna oder des Hollywoodstars Jack Nicholson zeigen Foto-Kästen der Franzosen Bruno Mouron und Pascal Rostain, die damit die Neugierde vieler Menschen über den Konsum Prominenter (und damit über ihre Lebensweise) bedienen. Die ungewöhnliche Ausstellung «From Trash to Treasure - Vom Wert des Wertlosen in der Kunst», die bis zum 5. Februar in der Kieler Kunsthalle zu sehen ist, löst Denkprozesse aus.

Wie gehen Gesellschaften und der Einzelne mit Müll um? Was empfinden wir bereits als Müll? Wie ändern sich Wertigkeiten? Und: Wie haben Künstler dieses Thema seit Beginn des 20. Jahrhunderts verarbeitet, auch um den Zustand von Gesellschaften zu reflektieren. «Es geht um den Gegenwartsbezug, was Müll in einer Wegwerfgesellschaft wie der unseren bedeutet, und zudem um die kunsthistorische Perspektive», sagt Kunsthallen-Direktorin Anette Hüsch. Gezeigt werden 70 zeitgenössische und historische Werke von 46 Künstlern, überwiegend aus Europa und Amerika - darunter viele Leihgaben.

Fast zu übersehen ist die winzige Collage «Lumpenwurf» von Kurt Schwitters (1887-1948), der als einer der ersten Weggeworfenes für seine Kunstobjekte verwendete oder Fundstücke einfach zur Kunst erklärte - ähnlich wie Marcel Duchamp (1887-1968), der bereits 1913 ein von ihm signiertes, allerdings nagelneues Pinkelbecken als Kunstobjekt «Fountain» in eine New Yorker Kunstausstellung eingereicht hatte.

Schwitters und Duchamp haben mit ihren Konzepten ganze Künstlergenerationen beeinflusst, die ihnen folgten oder im produktiven Widerspruch zu ihnen arbeiteten, betonen die Ausstellungsmacher. Dazu gehören zum Beispiel sogenannte Décollagen des Nouveau Réalisme, bei denen aus Plakatfetzen ganze Tafelbilder kreiert werden. Die deutsche Künstlerin Karin Sander zeigt «mailed paintings»: Sie verschickt Leinwände ohne Verpackung per Post, so dass die Transportspuren auf der Bildfläche dauerhaft sichtbar sind.

Der Kernkraft als «brisantestem Müllproblem der Gegenwart» widmet sich das Künstlerduo Korpys/Löffler mit einer filmischen Text- und Bildcollage und einer Fotoserie. Die Abwertung eines Themas oder einer Situation als Müll sei eine übliche Strategie, wie die Ausstellungsmacher betonen. In der Finanzkrise geht es um «Schrott-Papiere», es ist von «Müll-Teppichen auf den Meeren», von «Weltraumschrott» und «Trash-Kultur» die Rede.

Der deutsche Aktionskünstler HA Schult ist nicht mit seiner legendären «Schrottarmee» von 1000 «Trash People», die schon überall in der Welt gezeigt wurde, vertreten. Dafür aber mit einem düsteren Wandkasten-Objekt von 1972 aus dem Besitz der Kieler Kunsthalle. Es zeigt eine untergehende, von Umweltzerstörung geprägte Industriegesellschaft, die auf ihrem eigenen Müll gegründet zu sein scheint, gestaltet mit Miniaturen, die bereits an Werke der britischen Brüder Jake und Dinos Chapman erinnern. Eines der Schlüsselzitate von HA Schult lautet: «Wir produzieren Müll, sind aus Müll geboren und werden wieder zu Müll.»

Museumstext zur Ausstellung

news.de/dpa

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