So., 27.05.12

Musik 01.11.2011 «Ich lieg und besitz'»: «Siegfried» in Frankfurt

«Ich lieg und besitz'»: «Siegfried» in Frankfurt (Foto)
«Ich lieg und besitz'»: «Siegfried» in Frankfurt Bild: dpa

Die Frankfurter Oper liegt am Rande des Bankenviertels, vor den fassadengroßen Panoramascheiben stehen die Hochhäuser Spalier. Unten, am Boden zwischen Oper und Europäischer Zentralbank, campiert die Occupy-Bewegung.

Frankfurt/Main (dpa) - Die Frankfurter Oper liegt am Rande des Bankenviertels, vor den fassadengroßen Panoramascheiben stehen die Hochhäuser Spalier. Unten, am Boden zwischen Oper und Europäischer Zentralbank, campiert die Occupy-Bewegung.

Auch im Opernhaus wird eine Art Kapitalismuskritik betrieben: Siegfried will dem Drachen «das Gold, das zum Herrscher macht» entreißen. Der wehrt müde ab: «Ich lieg und besitz'. Lasst mich schlafen.»

Wie auf das Feindbild der Occupy-Bewegung gemünzt, beginnt auch Richard Wagners vier Abende umfassender Opern-Zyklus mit einer auf Pump gekauften Immobilie. Fasolt und Fafner streichen als Lohn für den Bau von Walhall den Nibelungen-Schatz ein, im Streit um die Beute erschlägt einer den anderen. Im dritten Teil - «Siegfried» - geht es dem besitzergreifenden «Wurm» Fafner an den Kragen: Siegfried, «der das Fürchten nie gelernt», erschlägt den Drachen, der in Vera Nemirowas Inszenierung aussieht wie ein mit Geldketten behängtes Plastinat aus Gunther von Hagens' «Körperwelten».

«Siegfried», dieses (mit Pausen) fünfstündige Gewaltwerk, ist die dramaturgisch undankbarste Oper des gesamten Zyklus. Wie schon im «Rheingold» und der «Walküre» besteht das Bühnenbild einzig und allein aus einer bühnengroßen Scheibe aus konzentrischen Kreisen, die sich durch Drehen und Kippen auffächern kann wie eine Apfelschalenspirale, himmlische, irdische und unterirdische Sphären trennt. Unten schmieden der Zwerg Mime und das Findelkind Siegfried im ersten Akt das magische Schwert Notung, oben erweckt Siegfried im letzten Akt Brünnhilde aus dem Feuerkranz.

Jens Kilians schräge Scheibe als optische Klammer aller vier «Ring»-Abende trägt auch durch den dritten Teil, auch wenn die Bühne diesmal lange Zeit unverändert bleibt. Optisch passiert nicht viel in diesem «Siegfried» - wäre da nicht der androgyne Tänzer Alan Barnes, der im zweiten Akt als Waldvogel schwirrt und flattert, bezirzt und berät, während die Stimme einer Sängerin aus dem Orchestergraben erklingt.

Lance Ryan bewältigt den Kraftakt der Siegfried-Partie, als wäre es keine Anstrengung. Schon in Bayreuth hat er 2010 überzeugt, für 2013 ist er auf dem Grünen Hügel auch für die Neuinszenierung von Frank Castorf verpflichtet. Mit blonder Lockenperücke und einem Fellkleid, das als augenzwinkerndes Zitat der Kostüme zur Entstehungszeit der Oper durchgehen kann, gibt er einen enorm textverständlichen Heldentenor, der das jugendlich-ungestüme der Rolle glaubhaft macht.

Über alle Zweifel erhaben ist wie stets das Orchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle, das in der jüngsten Kritikerumfrage der Zeitschrift «Opernwelt» zum dritten Mal in Folge zum «Orchester des Jahres» gewählt wurde.

news.de/dpa
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