Wie kam es zum Baader-Meinhof-Komplex? Antwort gibt der Film Wer wenn nicht wir von Andres Veiel. News.de verlost zum DVD-Start zwei Bücher von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper.
Sind die ungerechten Weltläufe oder die Väter daran schuld, dass sich in den 1960er Jahren Studenten radikalisierten? Zur Frage nach den Ursachen des deutschen Terrorismus will das Drama Wer, wenn nicht wir ein Puzzlestück hinzufügen. Der renommierte Dokumentarfilmer Andres Veiel schildert in seinem Spielfilmdebüt die Beziehung zwischen dem jungen Schriftsteller Bernward Vesper und der späteren Terroristin Gudrun Ensslin, die sich in den frühen 1960ern verliebten.
Gegen Ende der 1960er Jahre tauchte Ensslin nach einer Kaufhausbrandstiftung mit Andreas Baader in den Untergrund ab. Und Vesper, dessen autobiografischer Essay Die Reise zum Schlüsselroman der 68er-Generation aufstieg, nahm sich 1971 das Leben. Veiel hat bereits im Dokumentarfilm Black Box BRD die Biografien des RAF-Nachzüglers Wolfgang Grams und des RAF-Opfers Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, gegenübergestellt. Auch mit seinem penibel recherchierten Stationendrama will der studierte Psychologe die RAF-Inkubationszeit mit dem Blick aufs Private beschreiben.
Konzentration auf das Private
Besonders Menschen, deren jugendliche Sozialisation in der Hochzeit der RAF stattfand, treibt das Thema um; so verfasste der Anfang 2011 verstorbene Produzent Bernd Eichinger selbst das Drehbuch zum Drama Der Baader-Meinhof-Komplex von 2008, bei dem Ensslin in Aktion zu sehen war. In Veiels Film ist sie anfangs noch eine brave, äußerst gewissenhafte Studentin, die in der Tübinger Uni Vesper kennenlernt. Das Paar, das sich anfangs siezt, gründet einen Verlag, zieht nach Berlin, wird Teil der linken Bohème, bekommt ein Kind. Als Alpha-Tier Baader auftaucht, unter dessen Einfluss Ensslin sozusagen aufblüht, ist die Beziehung jedoch schon zerrüttet.
Die TV-Bilder von Vietnamkrieg, «Jubelpersern», Benno Ohnesorg, Großer Koalition und so weiter bleiben hier Hintergrundrauschen. Statt auf Politik konzentriert sich Veiel auf die Eltern, Stützen der Vor- beziehungsweise der Nachkriegsgesellschaft. Nazi-Dichter Will Vesper, der seinen Sohn mit sadistischer Strenge erzieht, ist zwar inzwischen verfemt. Bernward aber, der sich lebenslänglich am Vater abarbeitet, gründet den Verlag just zu dem Zweck, ihm ein Comeback zu bereiten. Ensslin, Lieblingskind eines schwäbischen Pfarrers, darf als einziges von sechs Kindern studieren. Papa ging einst in den Krieg, obwohl er ein Gegner Hitlers war - was ihm die Tochter vorwirft.
Neben der spannenden Handlung beeindrucken Lena Lauzemis und August Diehl in den Hauptrollen. Diehl gelingt es in wenigen Szenen und mit kleinsten darstellerischen Mitteln, das Abgleiten von Bernward Vesper in den Wahn zu zeigen, ohne dass die Figur beschädigt wird. Lena Lauzemis, Star an den Münchner Kammerspielen, steht ihm in nichts nach. Ihre Interpretation der Gudrun Ensslin beeindruckt mit Mut zur Wucht, wobei sie nie ins Grobe abgleitet.
So wie die Schauspieler alles Grelle vermeiden, setzt auch die Regie nie auf Effekthascherei. Andres Veiel fragt fast sachlich, wie aus ganz durchschnittlichen Menschen in sehr gewöhnlichen Lebensumständen Monster werden können. Damit bekommt die Erkundung jüngerer deutscher Geschichte eine zeitlose Aktualität. Und genau das macht die Größe dieses ungewöhnlichen Films aus.
V E R L O S U N G: 2 Bücher zum Film
Zum DVD- und Blu-ray-Start von Wer wenn nicht wir verlost news.de zwei Exemplare des Buches Notstandsgesetze von Deiner Hand von Gudrun Ensslin und Bernward Vesper. Es enthält den Briefwechsel zwischen Vesper und Ensslin aus den Jahren 1968 und 1969 und ist im Suhrkamp-Verlag erschienen. Wer gewinnen möchte, schickt bitte eine E-Mail mit dem Stichwort «Wer wenn nicht wir» bis Donnerstag, 20. Oktober 2011, 12 Uhr, an redaktion@news.de. Bitte die Postadresse nicht vergessen. Die Gewinne werden unter den Einsendern verlost. Die Gewinner werden umgehend per E-Mail benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
Titel: Wer wenn nicht wir
Regie: Andres Veiel
Darsteller: August Diehl, Lena Lauzemis, Alexander Fehling und andere
FSK: ab 12 Jahren
Filmlänge: 120 Minuten
Verleih: Universum Film
Extras: Audiokommentar des Regisseurs, Interviews mit Andres Veiel, August Diehl und Lena Lauzemis, entfallene Szenen
Preis: rund 14 Euro
DVD-/Blu-ray-Start: 14. Oktober 2011