Von news.de-Mitarbeiterin Denise Peikert
Das ZDF traut sich was: Mit Das große Comeback zeigt der Sender einen abgedrehten Film, der die Schlagerbranche und das Medienbusiness verballhornt. Uwe Ochsenknecht und Andrea Sawatzki brillieren in der comicartigen Komödie.
Der Empfang ist schlecht. Ute Meier-Thiel hievt ihre Stöckelschuhe auf das Stalldach und hält ihr Telefon in den Wind. «Hier läuft alles bestens», hext sie in den Hörer, den Ellenbogen in der Seite aufgestützt, die Zigarettenhand fuchtelt in der Luft. In Wahrheit läuft gar nichts bestens: Ihr Plan, den Schlagersänger Hansi Haller in einer TV-Doku wie einen Deppen aussehen zu lassen, scheitert bisher. Das Dorf zu ihren Füßen wankt schon, da setzt Ute Meier-Thiel den Flachmann noch mal an.
Andrea Sawatzki brilliert im ZDF-Film Das große Comeback in der Rolle der überdrehten TV-Zicke, die loszieht, um den gealterten Schlagerstar Hansi Haller für die Quote lächerlich zu machen. Sie stöckelt wütend durch die Gegend und schwingt ihre Hüften dabei in einem so riesigen Radius, dass man um ihre Gesundheit fürchten muss. Und statt mit ihrem Mund führt sie Gespräche zuweilen mit ihren Brüsten, die in dem engen und perfekt designten Kostüm Lara-Croft-Ausmaße annehmen. Das amüsiert beim Zusehen.
Wer Blumenkinder und Transparente hat, braucht keine zweite Ebene
An Sawatzkis Seite, nicht minder engagiert im Spiel: Uwe Ochsenknecht als Schlagersänger Hansi Haller. Sein orange geblümtes Hawaiihemd trägt er mit Haltung zu seiner organgefarbenen Hose. Die Fabeln, die Hansi Haller von seinem schon lange nicht mehr erfolgreichen Schlagerleben erzählt («Ich bekomme ja öfter so Angebote vom Fernsehen und so»), spielt Ochsenknecht mit dieser grandiosen unsicheren Sicherheit, wie es sonst Christoph Maria Herbst in Stromberg tut.
Das ZDF traut sich was mit Das große Comeback. Der Film zieht über die Schlagerbranche und das Medienbusiness gleichzeitig her und ist so abgedreht, dass Sawatzki anfangs ihre Tasche gegen einen Stapel Pappbecher schleudern darf und das ganze auch noch in Zeitlupe gefilmt wird. Auch dafür, dass sämtliche Nebenrollen konsequent im Schablonen haften bleiben, braucht es filmischen Mut. Und es tut dem Film gut: Nur so wird die absurde Situation, dass Hansi Haller in dem Dorf Bad Böhlen seinen letzten und vermutlich auch einzigen Fanclub hat, überhaupt greifbar.
Die Chefs der Hansi-Haller-Fans sind zwei Frauen (Antje Lewald und Franziska Traub), die sich regelmäßig zur Clubsitzung treffen. Dann arbeiten sie gewissenhaft die Tagesordnungspunkte ab (Anwesende und Stand der Vereinskasse), bevor es zum «geselligen Beisammensein» kommt. «Ich habe beide Schauspielerinnen gebrieft, sich konsequent wie kleine Mädchen zu verhalten», sagt Regisseur Wigand und tat gut daran, denn alles andere wäre lachhaft: Wer einem Ex-Schlagerstar einen Empfang mit Blumenkindern und Transparenten bereitet, braucht keine zweite Ebene.
Schade: Am Ende scheinen die bekannten Muster durch
Dem Film selbst steht der Comiccharakter gut. Jedoch könnte er noch mehr bewirken, wenn sich Produzenten und Darsteller selbst nicht so sehr hinter der Fassade der Satire verstecken und stattdessen eine Botschaft senden würden. Zwar ist Das große Comeback eindeutig überzogen, doch sind im Fernsehen täglich Formate zu sehen, die dort nur zu sehen sind, damit Menschen vorgeführt werden können. Raus aus den Schulden gehört inzwischen oft dazu, Mitten im Leben sowieso. Aber sowohl Andrea Sawatzki als auch Produzentin Astrid Quentell bleiben vorsichtig. Die Schauspielerin verneint im news.de-Interview die Frage, ob es eine Uter Meier-Thiel im deutschen Fernsehen tatsächlich gebe. Und die Produzentin betont, dass es mehr um das Schicksal zweier Figuren gehe als um eine Kritik an Realitiy-TV-Formaten.
Dem Witz des Films freilich schadet das nicht. So ist es von großer Komik wenn der Metzger von Bad Böhlen (Michael Brandner) immer wieder versucht, seine Waren zu Werbezwecken ins Bild zu rücken, wenn das Kamerateam kommt. «Halt das hoch», befiehlt er einem der Blumenkinder, die für Hansi Haller aufgestellt werden und drückt ihm eine Jagdwurst in die Hand. Und auch die plötzlich aus dem Koma erwachte und mit Lebensweisheiten randvolle Oma Emilie (Dorothea Walda) unterhält.
Schade ist, dass der Film nach etwa einem Drittel seinen Drive verliert. Als sich zwischen Hansi Haller und Heike Paulsen (Valerie Niehaus), der Tochter von einem der Bad Böhlener Fan-Girls, eine Liason abzeichnet, fällt Das große Comeback in bewährte Muster der Fernsehunterhaltung zurück. Die Liebesgeschichte mäandert sich erwartbar durch ihre kleine Dramen und endet wenig überraschend. Auch die allzu plötzliche Wandlung Hansi Hallers, der am Ende in Jeans und T-Shirt mehr wie Uwe Ochsenknecht als wie ein Schlagerstar aussieht, ist bedauerlich flach. Wenigstens bleibt bei Andrea Sawatzkis Rolle die übliche Metarmophose aus: Ute Meier-Thiel schleicht dem Liebespaar am Ende ebenso hexenartig mit ihrer Kamera hinterher, wie sie noch am Anfang des Films auf dem Stalldach stand.
Bestes Zitat: «Dschungelcamp und so mache ich nicht, das ist unter meinem Niveau» – «Bei uns ist alles ganz nievauvoll.» (Dialog zwischen Schlagersänger Hansi Haller und TV-Journalistin Ute Meier-Thiel)
Titel: Das große Comeback
Regie: Tomy Wigand
Darsteller: Uwe Ochsenknecht, Andrea Sawatzki, Valerie Niehaus, Michael Brandner, Heinrich Schafmeister und andere
Sendetermin: Donnerstag, 13. Oktober 2011, 20.15 Uhr, ZDF
News.de hat mit Uwe Ochsenknecht über den Film gesprochen - hier geht's zum Interview.
car/news.de