Madness Zuhause in der Nostalgie

Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Männer, die niemals tanzen, tanzen bei Madness. Männer, die niemals weinen, weinen bei Madness. Eine Werkschau mit drei CDs und einer DVD zeichnet die Karriere der Band jetzt nach. Und zeigt: Madness wurden so sehr unterschätzt, dass sie sogar Maggie Thatcher stürzen konnten.

Das Konzert der Konzerte. Die historische Show, von der später jeder behauptet, er sei dabei gewesen. Quasi jede legendäre britische Band der Ära nach Punk hatte so einen Moment, der eine ganze Karriere definierte. Oasis hatten Knebworth (1996), Queen hatten das Wembleystadion (1986) die Stone Roses hatten Spike Island (1990), Blur hatten den Hyde Park (2009). Madness hatten Madstock. Es war 1992, es kamen 75.000 Menschen, und es machte aus einer großen Band eine legendäre Band. Nun liegt der Konzertmitschnitt erstmals auf DVD vor, als Teil des famosen Boxsets A Guided Tour Of Madness.

Madstock war ein ebenso merkwürdiger wie unerwarteter Triumph. Madness waren die absolut prägende musikalische Kraft der Achtziger in England. Insgesamt 214 Wochen standen ihre Singles in diesem Jahrzehnt in den Charts. Doch ab etwa 1984, als Keyboarder Mike Barson die Band verließ, ging es bergab mit der Popularität. 1986 löste sich die Band auf – im selben Jahr wie Wham, Kajagoogoo und Boney M. Nichts deutete darauf hin, dass ausgerechnet Madness es schaffen sollten, wenige Jahre später plötzlich wieder eine Riesennummer zu sein.

Tanzen bis zum Erdbeben

Doch mit Madstock wurden sie es. Das Event war die Wiedergeburt der Band, die seitdem wieder regelmäßig Konzerte spielt und auch neue Platten aufgenommen hat. Madstock löste ein Erdbeben aus – nicht nur im metaphorischen Sinn. Das Konzert sorgte für offiziell dokumentierte seismische Probleme im Norden Londons. Bei Häusern in der Nähe gingen Fenster kaputt, Balkone wurden beschädigt. Experten fanden die Ursache im rhythmischen Tanzen der Madness-Fans im Finsbury Park. Wie kam es bloß dazu, dass eine Band, die sich im Streit und kreativen Niedergang getrennt hatte, plötzlich wieder derart hohe Wellen schlug?

Es kann nur einen Grund dafür geben: Nostalgie, Sehnsucht, Liebe. Im Booklet zum 1993 erschienenen Boxset The Business sagt Sänger Suggs: «Irgendwie brauchten wir alle Madness. Es war unser Ding, unser Zuhause.» Er meint damit die Anfangstage des Septetts in den späten 1970er Jahren. Doch der Satz trifft auch auf die Fans der Band zu. Madstock 1992 ist der Beweis.

Musiktipp
Madness in Bestform bei Madstock
Video: YouTube

Die DVD beginnt weit vor dem Konzert. Da albert die Band herum, mit Kippen und Dosenbier, mit hässlichen Sonnenbrillen und noch hässlicheren Shorts. Im Publikum trägt man seine weißen Socken mit Stolz, ebenso seine Bomberjacken und Hosenträger. Die Fans sind fast durchweg Männer. Es sind die Männer, die das Erdbeben auslösen. Es sind die Männer, die sich noch auf Jahre hinaus damit brüsten werden, bei diesem Konzert dabei gewesen zu sein. Sie flippen aus an diesem Abend. Sie lassen ihren weichen Kern nach außen, sie haben Tränen in den Augen bei It Must Be Love, sie erleben bei Baggy Trousers voller Dankbarkeit ihre Jugend noch einmal neu. Sie feiern sich selbst. Madness stehen dazu auf der Bühne wie die Blues Brothers mit vier Promille, in Anzügen, die zwei Nummern zu groß sind – und sind überwältigt von so viel Enthusiasmus.

Die Madstock-DVD liefert noch einen Erklärungsansatz für den zweiten Frühling von Madness: Auch bei ihnen greift das Beatles-Prinzip. Die Band besteht aus ganz unterschiedlichen Charakteren. Das bietet ganz viele Identifikationsmöglichkeiten – für jeden ist etwas dabei. Besonders reizvoll wird diese Konstellation, weil es bei Madness keine richtige Führungsfigur gab. Die Wahrnehmung von Madness als Gang, als gleichberechtigtes Kollektiv, macht einen beträchtlichen Teil ihres Charmes aus. Zum Image von Kameradschaft und Mannschaftsgeist kam bei Madness schließlich auch noch die Tatsache, dass sie sich selbst nicht Ernst nahmen. Die Attitüde lautet: «Wir sind nichts Besonderes, wir haben bloß Glück gehabt.»

Clever, anarchisch, subversiv

In der Tat waren Madness in ihren Anfangstagen eher Musikfans als Musiker. Doch A Guided Tour Of Madness zeigt auch, wie extrem unterschätzt sie nach wie vor sind – auch wegen genau dieser denkbar unprätentiösen Attitüde. Noch immer denken die meisten bei Madness zunächst an Grimassen, lustige Videos und Klamauk im Stile beispielsweise der Ersten Allgemeinen Verunsicherung, die in Deutschland bezeichnenderweise parallel zum Niedergang von Madness ihren Aufschwung erlebte. Aber Madness waren weit mehr als Witzbolde. Sie waren clever, anarchisch, subversiv.

Madness vermischten nicht nur Ska und Pop. Sie schafften es auch, sich mit der Herangehensweise des Punk uralter Music-Hall-Sounds zu bedienen. Sie griffen Vaudeville-Elemente auf und brachten mit Driving In My Car einen Song in die Charts, der zum größten Teil aus hupen und klappern besteht. Mit Madness habe er immer versucht, die Grenzen des Popsongs zu erweitern, sagt Produzent Clive Langer – und die 70 Songs der Guided Tour Of Madness beeindrucken immer wieder mit der Erkenntnis, wie weit die Band auf diesem Weg gekommen ist.

Vor allem aber steckt das Subversive hier in den Texten. Ihr Sound stellte «die Exzentrizität, den Pomp und die Schattenseiten der englischen Mentalität» bloß, hat der New Musical Express damals geschrieben. Damit stehen Madness mitten in allerbester Londoner Pop-Tradition, in der Mitte zwischen den Kinks und Blur. Es ist diese Mischung aus Witz und Melancholie, aus «Sinn und Unsinn, Nichtsnutzigkeit und Nachdenklichkeit, Puls und Impuls» (Melody Maker), die beim flüchtigen Blick auf Madness oft übersehen wird. Ihre Lieder behandeln die kleinen Freuden des Alltags, aber auch Ärger mit der Krankenkasse (Mrs. Hurchinson), Kleinkriminalität (Deceives The Eye) oder blinden Nationalismus (Blue Skinned Beast). Wenn sie die Monotonie der Gegenwart beschreiben, haben sie sogar Hits damit (Grey Day, Tomorrow’s (Just Another Day)). Und immer wieder gibt es Erinnerungen an die Kindheit – ein Thema, das sich durch die ganze Karriere von Madness zieht.

Diese Nostalgie ist keineswegs nur eine private – sie bezieht das ganze Land mit ein. Die Musik von Madness ist, bei aller Innovationskraft, immer anti-modern. Ihre Lieder sind ein «Trauergesang auf das England, das Thatchers Tories ausnützen und ausbeuten» (NME). Diese Sehnsucht nach längst vergangenen, besseren Zeiten ist vielleicht das stärkste Element in der Erfolgsformel von Madness. Dass sie mit Madstock ein grandioses Comeback hinlegten (und ein Hochfest der Nostalgie zelebrierten), passt da ins Bild.

Künstler: Madness
Boxset: A Guided Tour Of Madness (3CDs + DVD)
Plattenfirma: Salvo
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

wam/news.de

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig