So., 27.05.12

Literatur 10.10.2011 Die Lieblingsgedichte von Promis

Rainer Maria Rilke ist der Lieblingspoet der Prominenz: Der vom ständigen Vorbeischleichen an den Gitterstäben müde gewordene «Panther» des Dichters hat es Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder angetan - genauso wie Schauspielerin Mariele Millowitsch, TV-Komiker Bernhard Hoecker und Sport-Moderator Gerhard Delling.

Frankfurt/Marburg (dpa) - Rainer Maria Rilke ist der Lieblingspoet der Prominenz: Der vom ständigen Vorbeischleichen an den Gitterstäben müde gewordene «Panther» des Dichters hat es Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder angetan - genauso wie Schauspielerin Mariele Millowitsch, TV-Komiker Bernhard Hoecker und Sport-Moderator Gerhard Delling.

Rund 360 Politiker, Unternehmer, Sportler sowie andere bekannte Gesichter von Film und Fernsehen wurden von Marburger Studenten für ein Buchprojekt angeschrieben. 42 davon antworteten im vergangenen Jahr - von Elke Heidenreich bis Richard von Weizsäcker. Daraus ist das Buch «Mein Lieblingsgedicht» entstanden, das bereits über 10 000 Mal verkauft wurde und in der zweiten Auflage ist. Auf der Frankfurter Buchmesse werden die Studenten aus Hessen am kommenden Samstag (15.10.) eine Lesung geben.

Die Idee stammt von Erika Schellenberger-Diederich, die Lehrbeauftragte am Institut für Neuere deutsche Literatur an der Philipps-Universität Marburg ist. «Ich war überrascht, dass viele entweder gar nicht antworteten oder viel Raum benötigten, um ihre Absage zu begründen», sagt sie. Es wurde dann aber doch ein illustrer Kreis. Am aufschlussreichsten sind die Begründungen der Lieblingsgedichte.

Altbundespräsident von Weizsäcker warb einst als Siebenjähriger um eine Mitschülerin - und entbrannte deshalb für Schillers «Handschuh», in der ein Ritter den Handschuh von Fräulein Kunigund aus einem mit wilden Tieren bevölkerten Zwinger rettet. Womit auch bewiesen wäre, dass Prominente - siehe Rilkes «Panther» - einen Hang zu gezähmten Raubtieren zu haben scheinen.

Viele Kommentare verraten eine ganze Menge über das Naturell des Auswählenden. Sepp Maier, der als kauziger Spaßvogel bekannte Ex-Torhüter des FC Bayern, entschied sich für das in seinem heimatlichen Idiom verfremdete Gedicht eines unbekannten Lyrikers. Es geht so: «Die Grille sitzt im hohen Gras/Und zirpt und zirpt und zirpt/Auf einmal is stad - Kopf abgemaht!» Sepp Maier schreibt dazu: «Das Gedicht bewegt mich, weil ich im Sommer regelmäßig Rasen mähe.»

Schon prophetisch ist der Kommentar von Karl Theodor zu Guttenberg, der «Hyperions Schicksalslied» von Hölderlin aussuchte und Folgendes dazu festhielt: «Als Schüler wusste ich einmal fürchterlich anzugeben, indem ich die Lektüre des gesamten Hölderlin behauptete. Dies rief einen wunderbar kritischen und humorvollen Lehrer auf den Plan, der ein umfassendes Referat über meine ach so breiten Kenntnisse erbat», gestand der Ex-Verteidigungsminister.

«Seitdem begleitet mich Hölderlin mit aller damals erzwungenen Faszination - "Jahr lang ins Ungewisse hinab"!», zitiert er aus dem «Schicksalslied». Der CSU-Politiker reichte das Gedichte im August vergangenen Jahres ein - nichtsahnend, dass er wenige Monate später wegen der Affäre um seine Doktorarbeit selbst tief von einer Klippe «abstürzen» sollte.

Dass das Buch so ein Erfolg wurde, freut Schellenberger und die elf beteiligten Studenten. Reich geworden sind sie aber nicht. Der gesamte Erlös kommt der internationalen Alphabetisierungskampagne «LitCam» der Frankfurter Buchmesse zugute.

news.de/dpa
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