Ein kleiner Junge verkriecht sich auf einer Kofferablage, malt Walfische an die Wand.
Wien (dpa) - Ein kleiner Junge verkriecht sich auf einer Kofferablage, malt Walfische an die Wand.
Ein nicht mehr ganz so kleiner Junge setzt sich eine Nadel in die Vene, drückt ab, kommt Stunden später mit Glück wieder ins Leben zurück. Liest Tausenden im Berliner Tempodrom in einer martialischen Lesung die Bibel vor. Zerfließt beim Anblick seiner neugeborenen Tochter in Tränen. Ben Becker heißt der Junge, sein Leben könnte für drei reichen, obwohl er noch längst keine 50 ist.
Dem Journalisten Fred Sellin hat er (vielleicht) alles erzählt, und der hat keine Biografie daraus gemacht, sondern eine Collage, die die verschiedenen Leben des Ben Becker auffächert und ineinander führt. In 21 Kapiteln kreist das Buch um die wesentlichen Stationen im Leben des Ben Becker, um Musik, Theater und Punk, um Drogen, Partys und die Suche nach Glück, um Menschen, Ideen und Besessenheiten. Es lässt keine Pointe aus, bringt aber auch erstaunlich sanfte Schattierungen zutage.
«Eigentlich wollte ich nur Anekdoten erzählen und das unter "Tourdates" veröffentlichen» erklärt Becker, der den Begriff «Autobiografie» überhaupt nicht mag. «Dann haben wir aber gemerkt, dass das nicht funktioniert, wenn ich nur die Kracher-Geschichten erzähle. Weil man die Geschichten nur begreift, wenn man weiß, wer erzählt die eigentlich», beschreibt er, weshalb aus einem Skandale-Stakkato doch ein rundes Buch mit 504 Seiten wurde. «Und so ist das dann ausgeufert.»
Zum Glück ist es ausgeufert, denn auf diese Weise begegnet der Leser nicht nur dem Ben Becker, den er möglicherweise erwartet: einem wilden Kind aus einer schrägen Theater-Patchwork-Kommune, das als Volksschüler mit roter Fahne zur Schule marschiert und später in hohem Bogen vom Gymnasium fliegt. Einem frühreifen Musiker, der vom Abba-Bewunderer übergangslos zum Punk mutiert und, was er hört, gleich lautstark umsetzt mit Freunden. Der schwer verliebt zu seiner Freundin ziehen will und dann, mit fertig eingerichteter Wohnung und fertigen Lebensplänen konfrontiert, Hals über Kopf flüchtet.
Sondern er begegnet auch einem hochsensiblen und selbstkritischen Künstler in der Mitte des Lebens, der mit großer Zärtlichkeit von seiner Großmutter erzählt, abgeklärt und versöhnlich von seinem leiblichen Vater spricht oder mit großer Bewunderung vom Ziehvater Otto Sanders, mit dem ihm im Wesen mehr verbindet als die prägnante Stimme und der rote Haarschopf. Über Lampenfieber und seine Theaterarbeit, die vom Leben nicht zu trennen ist und die Musikprojekte, die Tausende in große Hallen locken.
Mal rotzig, mal ein wenig protzig, aber immer präzise: In Schleifen um Ereignisse und Motive kreisend, Fäden spinnend und später wieder aufnehmend - so lässt Autor Sellin seinen Protagonisten lapidar und pointenhascherisch, aber auch ehrlich und manchmal ratlos seinen Lebensweg Revue passieren. Oder, wie Becker es ausdrückt, «ich erzähle dann doch aus meiner Kindheit und wie ich der wurde, der ich bin. Ob das richtig war und ist, das weiß ich nicht.»
Ben Becker mit Fred Sellin: Na und, ich tanze. Droemer Verlag, München, 504 Seiten, 22,99 Euro, 978-3-426-27536-8
news.de/dpa