Der weltberühmte Choreograph William Forsythe hat eigens für die Ruhrtriennale eine neue Arbeit geschaffen. «Now This When Not That» hat er sie genannt, also etwa «Jetzt dies, wenn nicht das».
Bochum (dpa) - Der weltberühmte Choreograph William Forsythe hat eigens für die Ruhrtriennale eine neue Arbeit geschaffen. «Now This When Not That» hat er sie genannt, also etwa «Jetzt dies, wenn nicht das».
So rätselhaft wie der Titel ist die Kreation selbst, die bei ihrer Uraufführung am Donnerstagabend in der Jahrhunderthalle in Bochum einhelligen, wenn auch ein wenig zurückhaltenden Beifall bekam.
Forsythe entwirft eine riesige Bühne, wohl dreißig Meter tief. Die Ausstattung ist karg: schwarzer Tanzteppich, in der Mitte links ein Stuhl. Dort nimmt zu Beginn der ersten Szene eine junge Frau Platz, die auf Amerikanisch zu erzählen beginnt. Das Wort «emergency» kehrt immer wieder - ist ein Unfall geschehen? Nach und nach kommen mehrere Tänzer auf die Bühne; sie tragen Freizeitkleidung, ihre Haltung lässt zu wünschen übrig. Bezieht sich die Erzählung der jungen Frau auf die Tänzer? Die Choreographie verweigert den Tanz fast vollständig.
Jahrtausende vergehen in der Erzählung der Protagonistin. Ist sie eine Volkskundlerin, die beim Versuch, die Entwicklung eines Amazonasstammes nachzuzeichnen, scheitert? Oder ist ein Unfall passiert wie in Fukushima, und die Erzählerin denkt darüber nach, was in den Jahrtausenden geschieht, in denen die Strahlung abklingt?
Rätselhaft erscheint das Ballett, absurd wie im Theater Samuel Becketts und dunkel. Und zwar dunkel im übertragenen wie im Wortsinn. Die vom Schnürboden hängenden langen Lampen werden meistens herabgedimmt. Mit Zwischenvorhängen, die oft herunterfahren, ergeben sich Bilder subtiler Schönheit; die verschwommene Kontur unterstützt den Eindruck von Orientierungslosigkeit. Thom Willems hat für seine akustische Kulisse neben wenigen harmonischen Klängen vor allem Pfeifen, Quietschen und das Zwitschern von Vögeln eingesetzt.
Die eindrucksvollste Szene platziert Forsythe gegen Ende des etwa 70-minütigen Tanzabends. Tiefe Dämmerung ruht auf der völlig unbelebten Bühne, gepaart mit kaum vernehmbarem Vogelgesang. Die Szene wird fast überspannt; man könnte meinen, das Ballett sei schon zu Ende. Die spektakulärste Szene eines Tanzabends ohne Tänzer, das öffnet Raum für Interpretationen.
Aber dann kommt noch ein Bild, in dem die Erzählerin meint, die Menschen hätten jetzt die Kunst zu wünschen aufgegeben. Das Stück verschließt sich der Analyse, die Intuition deutet darauf hin, dass es um das Ende der Menschheit geht. Nicht ein einzelner, unsere ganze Gattung stirbt. Die Natur wird überleben: «Now This When Not That».
Die anspruchsvolle, kompromisslose, choreographisch wie dramaturgisch radikale Produktion des amerikanischen Meisters hinterlässt ein verunsichertes Publikum, nicht befriedigt, ohne etwas von der Virtuosität des weltberühmten Ensembles genossen zu haben. Vielleicht war gerade das die Absicht Forsythes.
Mit dieser Uraufführung neigt sich die dritte Ruhrtriennale ihrem Ende zu. Als Schluss- und Höhepunkt hat Intendant Willy Decker Mönche aus Bhutan gebeten, in der Jahrhunderthalle ein Sandmandala zu legen, das - als Zeichen der Vergänglichkeit alles Irdischen - am Sonntag, dem letzten Tag, zerstört werden soll. Deckers am Spirituellen ausgerichtetes Konzept polarisiert: Die einen mögen es, die anderen kritisieren die Abgehobenheit dieser Ruhrtriennale. Ihnen gefielen die ersten Ruhrtriennalen, geleitet von Gründungsintendant Gérard Mortier und Jürgen Flimm, die mehr im Diesseits der Krisen und nahe der Wirklichkeit der Menschen im Ruhrgebiet wurzelten, besser.
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