Weder Bob Dylan noch Adonis: Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an den schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer. In Deutschland dürfte der Dichter kaum bekannt sein, selbst Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki hat seinen Namen noch nie gehört.
In Stockholm glaubten viele, dass die Nobelpreis-Jury dem schwerbehinderten und inzwischen 80 Jahre alten Tomas Tranströmer die Aufregung um den wichtigsten Literaturpreis der Welt ersparen wollte. Abgesehen davon war lange klar, dass Schwedens berühmtester Lyriker den Nobelpreis wie wenige verdient hat. Jetzt ist die Auszeichnung da - und bei der Bekanntgabe brandete Jubel auf.
Schwedens größte Zeitung Aftonbladet nannte Tranströmer anlässlich seines 80. Geburtstages im April den «Poet, den alle lieben». «Wo andere hundert Worte machen würden und zehn genügten, da gibt uns Tranströmer ein einziges», meinte der Kritiker Heinrich Detering in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, als Tranströmers Gedichtband Das große Rätsel in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag erschien.
In Deutschland dürfte der Dichter kaum bekannt sein. Selbst Marcel Reich-Ranicki kann sich nicht erinnern, den Namen des Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer schon mal gehört zu haben. «Ich habe keine Ahnung, wer der Lyriker ist», sagte Deutschlands «Literaturpapst» in einer ersten Reaktion.
Der schreibende Psychologe
Doch der Schwede gehörte seit Jahren zu den engen Anwärtern und ist in seiner Heimat hoch angesehen. Zum 80. Geburtstag schenkte Schwedens Regierung Tranströmer einen Professorentitel. Sein Schriftstellerkollege Lars Gustafsson schrieb in «Dagens Nyheter»: «Er ist ein Mystiker, ein Dichter, der Null gesehen hat, den leeren Punkt im Zentrum, ohne den nichts ist.»
Nach seinem Debüt als Lyriker 1954 dauerte es fast drei Jahrzehnte, ehe die Kritik auch international auf Tranströmer aufmerksam wurde. Die ersten Berufserfahrungen sammelte er Mitte der 1950er Jahre als Mitherausgeber einer Zeitschrift in Uppsala. Anfang der 1960er Jahre arbeitete der studierte Psychologe und Literatur- sowie Religionswissenschaftler zunächst als Anstaltspsychologe für jugendliche Strafgefangene. Von 1966 bis zu seinem ersten Schlaganfall schrieb er Gedichte, halbtags war er als Berufsberater in verschiedenen Arbeitsämtern tätig.
Anfang der 1970er Jahre wurde es im Gefolge der 68er-Bewegung deutlich ruhiger um Tranströmer, der politisch niemals in Erscheinung getreten ist. Erst in den 1980er Jahren «entdeckten» Kritik und Publikum ihn neu. 1981 erhielt der Schwede den deutschen Petrarca- Preis, 1990 den Literaturpreis des Nordischen Rates und 1992 wiederum in Deutschland den Horst-Bienek-Preis.
In seinen vom Umfang her ebenfalls sehr knappen Erinnerungen heißt es: «Mein Leben. Wenn ich dieses Wort denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Betrachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif.» Der Kopf sei die Zeit des Heranwachsens, der Kern, sein dichtester Teil, die sehr frühe, entscheidend prägende Kindheit. «Weiter hinten verdünnt sich der Komet - das ist der längere Teil, die Zeit unseres Erwachsenenlebens.»
Einer der größten Poeten unserer Zeit
Zur Begründung des Preises sagte Akademie-Sprecher Peter Englund: «Tranströmer ist einer der größten Poeten unserer Zeit.» Der Lyriker habe den Preis bekommen, weil er «uns in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen weist.»
Tranströmer selbst reagierte sehr überrascht. In einem Telefoninterview mit dem TV-Sender SVT sagte seine Frau Monica Bladh-Tranströmer für ihren 80-jährigen Mann, der nach Schlaganfällen sein Sprachvermögen weitgehend verloren hat: «Tomas ist unglaublich froh, aber auch überwältigt». Er sei auch «unglaublich überrascht» und habe mit dem Nobelpreis schon seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr gerechnet: «Wir dachten, dass es eigentlich viel zu kompliziert mit der Vergabe an einen schwedischen Autoren sein würde.»
Bob Dylan ging leer aus
Im vergangenen Jahr bekam der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa den Literaturnobelpreis. Letzte deutschsprachige Gewinner waren Herta Müller (2009), Elfriede Jelinek (2004) und Günter Grass (1999). Die Auszeichnung ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.
Kurz vor der Verkündung hatte bei Buchmachern überraschend der amerikanische Rockpoet Bob Dylan vorne gelegen. Dylan wird seit Jahren immer wieder als Außenseiter genannt. Doch noch nie ist ein Literaturnobelpreis für das Verfassen von Songtexten zuerkannt worden.
Seit 1901 ist die Auszeichnung fast jährlich vergeben worden. Tranströmer ist der 108. Preisträger. Mehrmals bekamen den Preis zwei Autoren in einem Jahr. Der Literaturnobelpreis wird am 10. Dezember in Stockholm zusammen mit den wissenschaftlichen Nobelpreisen überreicht - dem Todestag des schwedischen Stifters Alfred Nobel (1833-1896).
Nobel war als Industrieller reich geworden und hat unter anderem den Sprengstoff Dynamit erfunden. An diesem Freitag wird der Name des Friedensnobelpreisträgers verkündet, diese Auszeichnung wird traditionsgemäß in Oslo überreicht.
Übrigens: Reich-Ranickis langjähriger Wunschkandidat für den Nobelpreis ist der US-Autor Philip Roth.
wam/car/news.de/dpa