Von Thomas Borchert
Das traditionelle Rätselraten vor dem Literaturnobelpreis hat sich dieses Jahr auf den Lyriker Adonis und den US-Rockpoeten Bob Dylan zugespitzt. Adonis ist ein Dauerfavorit, während viele Dylan als «Schnapsidee» abtun.
Es ist schon ein bisschen wie auf der Galoppbahn: Beim Zieleinlauf zum Literaturnobelpreis verfolgt das Publikum immer gebannter die Führenden: Dass unmittelbar vor der Entscheidung der US-Rockpoet Bob Dylan (70) knapp vor dem syrisch-libanesischen Lyriker Adonis (81) liegt, ist schon mal eine echte Sensation. Dem Schöpfer von «Like A Rolling Stone» und dem Dauerfavoriten Adonis dicht auf den Fersen: der Japaner Haruki Murakami (62) und der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer (80).
Anders als beim Pferderennen wird beim Literaturnobelpreis, der heute gegen 13 Uhr (MESZ) bekannt gegeben wird, in der Zielgeraden vor allem auf die Wetteinsätze geschaut. Die Zocker beim Wettbüro Ladbrokes haben in den vergangenen Jahren mehrfach genau richtig gelegen, so 2006 beim türkischen Autor Orhan Pamuk (59), 2008 beim Franzosen Jean-Marie Gustave Le Clézio (71) und auch 2009 bei der Berlinerin Herta Müller (58).
So wird in Stockholm schon aufgehorcht, wenn der seit Jahren als Außenseiter gehandelte Dylan bei den Zockern 24 Stunden vor der Bekanntgabe an der Spitze hinter dem jahrzehntelangen Dauerfavoriten Adonis steht. Der schwedische Verleger Svante Weyler aber winkt ab: «Dylan ist doch nur eine Schnapsidee. Und Adonis war einfach viel zu lange Favorit.» Der Stockholmer glaubt, dass die Schwedische Akademie «mal wieder für eine komplette Überraschung sorgen wird».
So wie zuletzt vor elf Jahren mit dem in Paris lebenden Exil-Chinesen Gao Xingjian (71) oder 1988 mit dem damals in Europa komplett unbekannten Ägypter Nagib Mahfus (1911-2006). Für Weylers «Modell» spricht auch, dass im vergangenen Jahr mit dem Peruaner Mario Vargas Llosa (75) bereits schon einer der ewigen Favoriten ausgezeichnet worden ist.
Der Akademie-Sekretär Peter Englund hat in Interviews jüngst mehrfach erklärt, die Weltsicht der eigenen Jury sei vielleicht in der Vergangenheit ein bisschen zu «eurozentristisch» gewesen. Das lässt alle aufhorchen, die meinen, dass nun endlich mal die erste Garde der großen nordamerikanischen Romanciers von Philip Roth (78) über Thomas Pynchon (74), Joyce Carol Oates (73) bis Cormac McCarthy (78) oder Don DeLillo (74) sozusagen dran ist.
Englund zeigte in einem Online-Interview der Londoner Zeitung Guardian, dass ihm die Zockerlogik nicht fremd ist. Auf die Frage, ob Roth «den Preis jemals bekommen kann», sagte er: «Wenn ich doch nur jedes Mal einen Dollar bekommen würde, wenn mir diese Frage gestellt wird!» Und dann ernsthaft: «Haben die USA nobelpreiswürdige Autoren? Aber natürlich!» Schwer zu deuten, ob das nun für Roth oder eher für Dylan spricht. Oder vielleicht gegen beide?